Professor Richard H. Thaler, ein brillanter Kopf, der an der Universität Chicago Verhaltensökonomie lehrt, provozierte die Vertreter des klassischen Wirtschaftsverständnisses mit diesem und anderen Beispielen bei einem fulminanten Vortrag an der Uni Zürich – dessen Anlass sein neues Buch «Misbehaving» war. Dass es Verhaltensökonomie überhaupt gibt, ist sein Verdienst und der anderer Verhaltensökonomen wie Ernst Fehr von der Universität Zürich, die jahrelang dafür kämpften, die akademische Sichtweise ihrer Kollegen mit der Realität des menschlichen Verhaltens zu konfrontieren.

Genüsslich zerpflückte Thaler die Irrtümer der herkömmlichen Wirtschaftstheorie unter anderem mit dem Satz: «Annahmen über ein Verhalten sind nicht das Gleiche wie das Verhalten selbst.» Damit meinte er, dass viele akademische Modelle auf Annahmen über das menschliche Verhalten beruhen, die mit der Realität wenig zu tun haben. Darum ist auch die These, dass Märkte ausschliesslich nach rationalen Kriterien funktionieren, grundfalsch. Warum sonst hätten Banken in den USA Schuldnern, die mittellos waren, Geld für ihren Hauskauf geliehen?

Die Wahrheit ist simpel: Weil man falsche Hoffnungen und Erwartungen nicht korrigieren, aber sehr viel Geld damit verdienen konnte. Der Kater nach der Party war nur ein Ausdruck davon, dass Menschen oft Entscheide fällen, die nicht zu ihrem Vorteil und nicht rational begründbar sind. Folge: Eine weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise und Hunderttausende von Häuslein-Besitzern, die über Nacht obdachlos wurden.

Und was lernen wir aus all diesem offensichtlich irrationalen Überschwang? Bemerkenswert wenig; nach der Immobilienkrise Ende der Achtzigerjahre, dem Platzen der IT-Bubble Ende der Neunzigerjahre und der weltweiten Finanzkrise nach 2008 zeichnet sich das nächste Krisenszenario – der Einbruch in den Schwellenländern – bereits am Horizont ab. Wie das Amen in der Kirche folgt nach der Krise der grosse Katzenjammer, und die Politik versucht hektisch, mit neuen Gesetzen, Verboten und Regulierungen der Ratio die Vormacht über das Gefühlschaos zu geben. Mit bescheidenem Erfolg.

Verhaltensökonomen haben eine bessere Lösung, das sogenannte Nudging, mit dem verändertes Verhalten angestossen und nicht obrigkeitlich erzwungen werden soll. Das Rezept ist einfach: «Wenn du Menschen dazu bringen willst, etwas zu tun oder nicht zu tun, mach es ihnen einfach!» Wir alle mögen es nicht, bevormundet zu werden, aber wir lassen uns gerne auf sympathische und originelle Art davon überzeugen, «das Richtige» zu tun. Abfallcontainer, die sich bedanken, wenn man sie nutzt, oder Spiegel über der Auslage in einer Cafeteria, die entweder den Stolz oder das schlechte Gewissen widerspiegeln, wenn man sich für einen Apfel oder Schokolade entscheidet, mögen nur kleine Ansätze sein. Trotzdem interessiert sich die Politik zunehmend für die sanften Überzeugungsmethoden des Nudgings.

In England, den USA und in Deutschland nutzen Spezialisten die Technik heute schon, um die Arbeit der Regierung und Behörden zu verbessern. Denn die Verhaltensökonomie bietet Lösungen, die einen wichtigen Beitrag leisten, um aus unserer Welt einen besseren Ort zu machen. Da auch die Philanthropie dieses Ziel verfolgt, hat mich Richard Thaler mit seinen Thesen in der Überzeugung bestärkt, dass es gelegentlich besser ist, über einen «Nudge» nachzudenken, statt sich immer wieder danebenzubenehmen!

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