Was ist passiert? Sind die linken Journalisten zur SVP übergelaufen? Das dann doch nicht. Man wird es an den Abstimmungsparolen der Zeitungen sehen: Wahrscheinlich wird keine grosse Zeitung ein Ja zur Initiative empfehlen. Deutlich wurde das auch an einem Podium mit den Chefredaktoren der vier Sonntagszeitungen: Die Redaktionsleiter von «SonntagsBlick», «SonntagsZeitung» und «NZZ am Sonntag» lehnen die SVP-Initiative vorbehaltlos ab; ich plädierte für eine Einschränkung der Freizügigkeit, bin aber skeptisch, ob die Initiative das richtige Mittel ist.

Wie weit sich die Bürger von den Zeitungen überhaupt beeinflussen lassen, lässt sich nicht messen. Möglicherweise überschätzen die Politiker die Macht der Medien, während die Journalisten selbst sie unterschätzen. Tatsache ist jedenfalls, dass das Volk oft entgegen dem medialen Mainstream entscheidet: Sonst wären die Anti-Minarett-Initiative, die SVP-Ausschaffungs-Initiative oder auch die grüne Zweitwohnungs-Initiative nicht angenommen worden.

Klar ist ebenso: Die Meinungsbildung wird nicht primär durch die Abstimmungsparolen der Redaktionen und durch die Kommentare beeinflusst. Sondern, wenn schon, durch die Auswahl (und das Weglassen) der Themen und deren Gewichtung. Und da stellt man tatsächlich eine Entkrampfung fest: Die «Nordwestschweiz» berichtete darüber, dass die Personenfreizügigkeit die Löhne des Mittelstandes unter Druck setzt; der «Tages-Anzeiger» rechnete vor, dass viele EU-Bürger in der Schweiz arbeitslos werden und Sozialleistungen beanspruchen; im «SonntagsBlick» erhielt Thomas Minder eine grosse Plattform, um für die SVP-Initiative zu werben; unsere Zeitung wiederum zeigte auf, dass der Wohlstand pro Kopf seit vollständiger Freizügigkeit 2007 entgegen der Economiesuisse-Propaganda stagniert hat.

Paradoxerweise scheint es der SVP-Initiative nicht zu helfen, wenn die Medien ihre Argumente aufgreifen. Vermutlich hat die SVP in der Vergangenheit sogar vom «Wir gegen alle» profitiert. Das Volk hat ein feines Gespür dafür, wenn Dinge schöngeredet oder Informationen unterschlagen werden. Dann wird es störrisch und stimmt schon mal anders ab, als Medien, Bundesrat und die Verbände es wollen. Politologen haben auch den Aufstieg der SVP in den letzten zwanzig Jahren schon so erklärt: Solange die SVP von den allermeisten Medien schlechtgemacht wurde, gewann die Partei. 2011, als die Medien bereits pragmatischer berichteten, verlor die SVP.

Es findet zurzeit eine Normalisierung statt, die totale Polarisierung scheint passé. Das liegt auch an der SVP selbst: Sie tritt seit der Wahlniederlage 2011 netter auf. Auch jetzt, in der Kampagne für die Masseneinwanderungs-Initiative, die mit dem Baum-Sujet fast schon herzig daherkommt. Sollte die SVP am 9. Februar mit ihrer Initiative scheitern – was noch keineswegs sicher ist –, dürfte bei der SVP schon bald die Stil-Frage wieder aufs Tapet kommen.

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