Der Kommentar: Wir sind in der Schweiz extrem privilegiert, leben in einem fantastisch schönen Land, einem Paradies. Ich bin kürzlich Grossvater geworden und ich wünsche mir, dass unsere Enkel, Urenkel und Ururenkel ebenso gute Möglichkeiten vorfinden wie wir. Dafür zu sorgen sehe ich als unsere Verantwortung. Unser Lebensstil erfordert sehr viel Energie. Wollten alle Menschen so leben wie wir in der Schweiz, müssten wir drei bis vier Planeten Erde zur Verfügung haben. Weil wir nur eine Erde haben, kommen wir auf die Dauer nicht darum herum, unseren Verbrauch zu drosseln. Die nicht erneuerbare Energie macht etwa zwei Drittel unseres ökologischen Fussabdrucks aus, an zweiter Stelle kommt die Nahrung.

Wir können unseren Energieverbrauch senken und unsere Stromproduktion umgestalten, ohne auf wesentliche Annehmlichkeiten verzichten zu müssen. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir vor allem drei Bereiche anpacken: Wärme, Mobilität und das elektrische Versorgungssystem.

> 1. Bei der Wärme sind wir auf dem richtigen Weg: Neubauten sind deutlich energieeffizienter geworden. Werden sie zudem mit Wärmepumpen ausgestattet, brauchen sie 20-mal weniger Energie als Immobilien aus den Sechziger- und Siebzigerjahren. Die CO2-Abgabe für Brennstoffe ist eine Erfolgsstory, und mit einer Verdoppelung könnten wir die Renovationsrate (derzeit 1 Prozent/Jahr) noch erhöhen.

> 2. Im Bereich Mobilität hingegen tut sich derzeit nichts. Hauptgrund sind die extrem hohen Subventionen über den Steuerzahler. Wir verbrauchen dreimal mehr Grundfläche (oft an bester Lage) für die Automobilität als für Wohnen, Arbeit, Bildung, Kultur und Sport zusammen. In der Schweiz haben wir heute mehr als 80 000 Kilometer Strassen. Sie reichen, um zweimal um die Welt zu fahren … Diese Strassen sind sehr teuer, daher die hohen Subventionen. Zwar werden die Kosten der Nationalstrassen durch die Abgaben auf dem Benzin getragen. Auf kommunaler Ebene, bei den Kantons- und Gemeindestrassen, sieht es aber anders aus. Gerade in der Feinverteilung fallen die wirklich hohen Kosten an, und hier ist der Steuerzahler die eigentliche Milchkuh. Der Automobilist zahlt weniger als ein Drittel der realen Kosten. Wenn wir für 100 Franken Benzin tanken, legt die Steuerzahlerin noch einmal 200 Franken dazu. Wir Schweizer bezahlen heute leider lieber hohe Steuern als kostentragende Mobilitätspreise. Würden Gemeingüter wie Raum, Luft und Ruhe mit eingerechnet, wäre ein kostentragender Benzinpreis von über 10 Franken pro Liter angemessen. Manche bewerten einen solcher Benzinpreis als asozial: Mobilität nur noch für die Reichen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Etwa die Hälfte des Geldes würde wieder zurückerstattet als Gemeingutabgeltung oder Lenkungsabgabe, eine Art Grundeinkommen.

> 3. Elektrische Energie wird künftig die Schlüsselrolle in der Energiepolitik spielen, weil sie beim Heizen und in der Mobilität stark zunehmen wird. Im heutigen Stromsystem gibt es glücklicherweise gute Einsparmöglichkeiten: Ersatz von Widerstandsheizungen («Heizöfeli») durch Wärmepumpen; Ersatz von gesteuerten Systemen (Klimaanlagen, Umwälzpumpen, Industriemotoren, Beleuchtungen) durch geregelte Systeme. Machen wir auch hier einen guten Job, indem wir das Sparpotenzial erschliessen und von einem moderaten Bevölkerungswachstum ausgehen, werden wir nach der Energiewende immer noch etwa gleich viel elektrische Energie benötigen wie heute.

Es kursiert die Ansicht, dass sich die Bandenergie, welche die Kernkraftwerke liefern, nicht durch stark volatile erneuerbare Energien wie Fotovoltaik oder Wind ersetzt werden können. Mit dem Programm, das wir entwickelt haben, errechneten wir über eine Zeitspanne von gut 50 Jahren im 15-Minuten-Takt, was passiert, wenn wir in Zukunft auf erneuerbare Energien wie Sonne, Wind und Biomasse setzen. Ich war selber überrascht über das Ergebnis: Die Schweiz kann sehr verlässlich mit erneuerbarem Strom versorgt werden, wenn das System richtig dimensioniert ist. Ein Grund dafür sind unsere unterschiedlichen Klimazonen. Wenn es in der Nordschweiz regnet, scheint im Tessin oft die Sonne; wenn im Bündnerland Flaute herrscht, fegt der Wind über den Jura. Dadurch lassen sich Schwankungen ausgleichen. Ein anderer Grund ist die hervorragende Arbeit unserer Vorfahren: Sie haben in den Bergen grosse Speicherseen gebaut.

Manche meinen, die Energiewende sei zu teuer. Was der Bund vorschlägt, kostet etwa 200 Milliarden Franken. Das ist viel Geld. Aber was ist unsere Alternative? Entweder investieren wir 200 Milliarden, die vor allem einheimischen Gewerblern und Firmen zugutekommen. Oder wir geben 800 Milliarden für Gas an Putin weiter, oder an die saudischen Erdölscheichs, die mit diesem Geld später unsere Firmen aufkaufen.

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