Welches sind retardierende Faktoren und wieso tun wir sie uns an? Zunächst fällt die desolate Motivlage auf. Auslöser des Kurswechsels von 2011 waren nicht breite Analyse, höhere Einsicht und freier Wille, sondern Vorwahlpanik. Im Frühjahr und Sommer 2011 herrschte Fukushima. An die emotional und ideologisch aufgeladene Atomfrage wurde über Nacht die Idee von der Energiewende geschnallt. Man glaubte, der Wählerschaft einen unsäglichen Opportunismus schuldig zu sein. Dessen Risse wurden allerdings schon beim nationalrätlichen Abstimmungsmarathon im Herbst 2011 sichtbar, in dem der angebliche Atomausstieg beschlossen wurde (bis heute fehlt dazu jede Verbindlichkeit) und gleichzeitig die Beschneidung des Verbandsbeschwerderechts.

Wegweisend war die politische Mitte. Die FDP wollte den Atomausstieg nicht, schloss sich ihm aber irgendwie an, weil die Bewilligung neuer AKW aussichtslos sei. Ähnlich überzeugend die CVP. Zu Jahresbeginn hatte sie noch für die unbefristete Weiterführung der AKW votiert. Begründung: Ohne AKW geht die Schweiz unter. Nach Fukushima hiess es: Mit AKW geht die Schweiz unter. Den inhaltlichen Widersprüchen entwand man sich auf dem Weg des geringsten Widerstandes, heisst: Bestehende AKW bleiben am Netz, dann soll Schluss sein. Das kollidiert mit der Tatsache, dass Fukushima nicht im zweifelhaften Ostblock mit alter Technologie, sondern im hoch technisierten Japan mit einem Werktyp möglich war, der einem der bei uns verwendeten entspricht. Das, was Panik auslöste, läuft also weiter.

Zum Widerspruch in der Sache gesellte sich jener des handelnden Personals. Von jenen, die die Notwendigkeit von AKW im März 2011 beschworen, kam wenige Wochen später das Gegenteil. Wenigstens ihre Lautsprecher hätten die Parteien um der versuchten Glaubwürdigkeit willen austauschen sollen. Und seither? Die Atomenergie und mit ihr die Energiewende ist vom Sorgenbarometer verschwunden – und damit auch gleich von der politischen Agenda. Während sich die AKW-Lobby erholt und wieder in Stellung gebracht hat, wurde der bunte Haufen der Wendewilligen in diverse Winde verweht.

Mindestens zwei Grosschancen sind so in den letzten beiden Jahren verpasst worden. Erstens eine Klärung von Eigentum und Verantwortung. Bekanntlich gehören die Stromversorger zu bedeutenden Teilen der öffentlichen Hand. Die sogenannten Strombarone sind de facto kantonale Angestellte. Nur merkt man davon nichts. Sie benehmen sich so, als seien sie autarke Player. Sie prägen die Energiedebatte in eigenem Namen und massgeblich mit, teilweise in offenem Gegensatz zur gewählten Politik. Würde sich ein Amtsdirektor so verhalten, wäre er seinen Job los.

Zweitens fand keine weiterführende Sachdebatte statt. Kaum war Fukushima aus dem kollektiven Gedächtnis entfernt, erlosch die eidgenössische Analyse- und Aufklärungsambition. So sind bis heute Schlagwörter wie Stromlücke oder Selbstversorgung prägend, obwohl es sich um reine PR-Begriffe handelt. Auch werden weiterhin Energieversorgung im Allgemeinen und die Stromdebatte im Speziellen nicht sauber getrennt. Dabei liegen Lösungen nicht bloss auf dem Tisch, sondern werden seit Jahren und mit Erfolg an Gebäuden installiert. Dank unseren KMU lassen sich Hunderttausende von Häusern zu PlusEnergieBauten (PEB) verbessern. Fachmännische Isolation und effiziente Geräte senken den Energiebedarf um bis zu 90 Prozent. Solarenergie auf dem Dach deckt mehr als den Restbedarf und somit mehr als 100 Prozent dessen, was ein Haus an Energie braucht.

Der Gesamtenergieverbrauch der Schweiz liegt bei rund 250 Terrawattstunden pro Jahr (TWh/a). Mindestens 80 davon, so der Bundesrat, lassen sich durch Minergie-P einsparen. Weitere rund 50 TWh/a können auf Dächern und Fassaden produziert werden. Die Hälfte nicht des Strom- oder Öl-, nein, die Hälfte des Gesamtenergieverbrauchs lässt sich also mit unseren Häusern bewältigen. Die Strombarone (= Ideologie) verschweigen das. Unser Gewerbe (= Wertschöpfung) weiss und installiert das.
Und was installiert unsere Politik? Nichts – wäre da nicht die eine. Oh Doris, wir setzen auf Dich.

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