Vor einem Jahr sah sich das SNB-Führungsgremium gezwungen, den Mindestkurs aufzugeben und Negativzinsen einzuführen. «Wir hatten keine andere Wahl», sagte Präsident Thomas Jordan nach Aufhebung des Mindestkurses im Januar. Das Präsidium tat dies in der Hoffnung, dass sich die Wirtschaft in Europa bald erholen und der Franken gegenüber dem Euro automatisch abschwächen würde. Dieses Wunschszenario der SNB ist nicht eingetreten. Der Franken bleibt «deutlich überbewertet», räumte Jordan vor einer Woche an einem Treffen mit dem Bundesrat ein. Die SNB hat sich verschätzt.

Nicht nur die Politik von Mario Draghi setzt der SNB zu. Druck machen auch namhafte Vertreter der Schweizer Wirtschaft. Sie fordern eine Abkehr vom bisherigen Kurs. Manche fordern gar die Wiedereinführung eines Mindestkurses. Der SNB bleiben nicht viele Handlungsoptionen. Bleibt sie ihrer vor einem Jahr eingeschlagenen Marschrichtung treu, dann könnte sie die Negativzinsen erhöhen, um den Franken unattraktiver zu machen.

Tut sie das, wird es brenzlig. Bisher waren es ja vor allem die Hypothekarnehmer, die durch höhere Zinsen die Zeche zahlten. Einzig die Alternative Bank überwälzte die Negativzinsen auf ihre Kunden. Es ist davon auszugehen, dass bei einer Ausweitung des Negativzinses auch grössere Banken ihre Kunden in die Pflicht nehmen. Sparer dürften sich dann allerdings kaum mehr davon abhalten lassen, ihre Gelder von den Banken abzuziehen. Eine unkontrollierte Kettenreaktion könnte die Folge sein. Die SNB-Spitze wird sich gut überlegen müssen, ob sie dieses Risiko eingehen will.

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