Der Kommentar: Da war er wieder. Der Heilsbringer. Der Seelsorger der Nation. Am Freitag, in einer seiner finstersten Stunden, beim Gedenkgottesdienst in South Carolina für die Opfer des brutalen Attentats auf schwarze Mitbürger in Charleston, begann er zu leuchten. Mitten in seiner Rede stimmte er zum Gospelsong «Amazing Grace» an – und berührte damit die Trauernden im Saal und die Mitbürger zu Hause vor dem Bildschirm. So, wie nur er es kann. Emotional. Authentisch.

Wenige Stunden zuvor hatte das Land ein historisches Urteil gefeiert. Das Oberste Gericht legalisierte die Ehe für Homosexuelle im ganzen Land. Barack Obama hatte sich 2012 als erster Präsident der USA für sie ausgesprochen. Und nur einen Tag zuvor hatte er seinen grössten Sieg errungen: Der US Supreme Court bestätigte Obamacare, das Gesundheitsgesetz, die jedem Bürger eine Versicherung zugesteht. Eine Reform, an der Hillary Clinton Jahre zuvor gescheitert war.

Die Absegnung von Obamacare, die Annäherung zu Kuba, der Atomdeal mit Iran: Obama befindet sich in einem Hoch, und das, nachdem seine Demokraten im Herbst eine bittere Wahlniederlage im Kongress einstecken mussten.

Während seine Vorgänger George Bush und Bill Clinton zum Ende ihrer Amtszeiten zu Lame Ducks mutierten, wirkt Obama, angetrieben von den aktuellen Erfolgen, plötzlich wieder frisch und gelöst wie zu seinen besten Yes-we-can-Zeiten. Im Wissen, dass er seinen Platz in der Reihe von Lincoln, Roosevelt und Kennedy als einem der bedeutendsten US-Präsidenten der Geschichte auf sicher hat.

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