Das Tessin? Sicher schön sonnig, aber zu klein, zu unwichtig, war meine erste Reaktion. Doch wir wagten das Experiment. Sonnig wars nicht immer, lehrreich und überraschend schon. Ich musste feststellen, wie wenig ich über das Tessin wusste: Dass sein Regierungspräsident blind ist, dass im Kanton politisch und kulturell noch immer die Teilung von 1798 nachwirkt und dass er der viertwichtigste Pharma-Standort der Schweiz ist – das war mir neu.

Vor allem aber wurde mit jedem Gespräch klarer: Das Tessin ringt mit denselben Zukunftsfragen wie die Schweiz als Ganzes. Nur stellen sie sich im Südkanton dringender, zugespitzter. Hier gibt es, im Verhältnis zur Bevölkerung, am meisten Grenzgänger. Hier kämpft der Tourismus mit dem stärksten Rückgang, der Finanzplatz mit den grössten Geldabflüssen. Und die Umwelt- und Verkehrsprobleme sind so drückend, dass sogar die populistische Lega jetzt ein bisschen grün wird und für Kehrichtsackgebühren und Velowege eintritt.

Das Tessin erschien uns mehr und mehr als eine Suisse miniature, eine Schweiz im Kleinen, aber ohne den Kitsch der Anlage von Melide. Noch gibt es die Klischees, aber der Kanton ist gerade daran, sich neu zu erfinden.

Das Wunderbare an der Schweiz ist ihre Verschiedenheit, ihre Vielfalt. Was wären wir Deutschschweizer ohne die Tessiner und die Welschen? Wir wären ganz einfach 7 Prozent einer deutschsprachigen Bevölkerung. Diese Vielfalt verurteilt uns zu einer immerwährenden Identitätssuche, die Kräfte freisetzt, wenn wir voneinander lernen. Im Tessin, das haben wir immer wieder festgestellt, geht es gerade darum, die Balance neu zu finden zwischen der Wirtschaftsmetropole Mailand und der Deutschschweiz. Von ihr hat man sich etwas entfremdet, doch dank der Neat rückt sie ab 2016 wieder näher.

Wenn es 1.-August-Redner gibt, die noch nicht wissen, was sie kommende Woche erzählen sollen: Reist vorher ins Tessin. Oder lest die heutige «Schweiz am Sonntag».

patrik.mueller@schweizamsonntag.ch

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