Der Kommentar: Laizismus und Säkularismus unterscheiden sich grundsätzlich hinsichtlich des Umgangs mit Religion. Der Laizismus behauptet, es sei für den Frieden und die Freiheit in einer Gesellschaft am besten, die Religion träte öffentlich nicht mehr in Erscheinung und sei auf das Private zu beschränken. Der Säkularismus sucht nach einer ausgewogenen Friedensordnung zwischen Religion und Gesellschaft, die der religionsneutrale Staat zu garantieren habe.

Der Säkularismus anerkennt damit, dass Religion auch in der Öffentlichkeit eine Rolle spielen darf. Allerdings gibt es hierfür Bedingungen: Religiöse Akteure müssten auf den Anspruch verzichten, die Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens zu bestimmen. Völlig ausgeschlossen wäre auch ein Anspruch, selbst staatliche Funktionen hinsichtlich solcher Regelungen zu übernehmen. Als Ausgleich für diesen Verzicht wurde dem Staat die Möglichkeit gegeben, Religionen rechtlich anzuerkennen und damit zu privilegieren.

Diese säkulare Ordnung von Staat, Religion und Gesellschaft wurde im späten 19. Jahrhundert massgeblich. Es gibt verschiedene Varianten davon. Die skandinavischen Länder, England und bis vor einigen Jahren auch Italien, Spanien und Irland privilegierten bestimmte christliche Konfessionen. Auch manche Kantone in der Schweiz kennen noch ein solches Religionsprivileg. Diese Privilegierung hatte meist historische Gründe und wurde nicht aufgrund einer Güteprüfung bestimmt.

Als Anfang der 1970er-Jahre mit der öffentlich-rechtlichen Anerkennung jüdischer Gemeinden in Basel erstmals eine nichtchristliche Religionsgemeinschaft öffentlich-rechtlich anerkannt wurde, änderte sich die gewohnte Religionsordnung. Nun wurden mehr und mehr Kriterien bestimmt, denen die Religionsgemeinschaften zu entsprechen hatten, um in den Genuss einer öffentlich-rechtlichen Anerkennung zu gelangen. Demnach haben Religionen, wenn sie in den Genuss staatlicher Anerkennung kommen wollen, selbst die Schweizer Rechtsordnung anzuerkennen, müssen interne demokratische Strukturen aufweisen, für finanzielle Transparenz Sorge tragen, Nachhaltigkeit und eine gewisse numerische Stärke garantieren, den Mitgliedern den Austritt aus der Gemeinschaft ermöglichen und schliesslich eine gemeinnützige Rolle spielen. Entscheidend ist hierbei natürlich die Tatsache, dass damit nicht Religionen an sich gemeint sein können, sondern immer nur real existierende Gemeinschaften oder Gemeinden.

Daher gälte die Anerkennung auch nicht dem Islam an sich, sondern Organisationen, die für die Öffentlichkeit erkennbar eine gewisse Repräsentativität im Kontext der islamischen Religionsgemeinschaft vertreten. Insofern ist die Voraussetzung für ein Anerkennungsverfahren die Bildung einer kantonalen Interessensgemeinschaft muslimischer Gemeinden.

Für den Grossteil der muslimischen Gemeinden in der Schweiz sind die erwähnten Kriterien zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Allerdings gibt es auch noch Nachholbedarf. Dies betrifft vor allem die finanzielle Transparenz und den Nachweis demokratischer Strukturen innerhalb der Gemeinde.

Um zu verhindern, dass wegen Geldknappheit private Finanziers und Spender aus dem Ausland einspringen, deren Finanzgebaren nur selten wirklich transparent ist, könnte im Rahmen eines Anerkennungsverfahrens eine Art Leistungsvereinbarung zwischen dem Staat und der Interessensgemeinschaft muslimischer Gemeinden geschlossen werden. Mittels eines Sockelbetrags, der vielleicht zukünftig allen öffentlich-rechtlich anerkannten Landeskirchen zur Verfügung stehen wird, könnten diese muslimischen Gemeinschaften in die Lage versetzt werden, unabhängig von bisweilen dubiosen Sponsoren ihrem Grundauftrag als Religionsgemeinschaft in einer säkularen Ordnung nachzukommen.

Dies setzt also nicht die Anerkennung des Islam an sich voraus, schon gar nicht kann der Islam als Landeskirche anerkannt werden. Vielmehr wäre die Bildung einer Vertragsgemeinschaft zwischen einer konkreten muslimischen Interessensgemeinschaft und dem Staat anzustreben.

Durch den Abschluss einer solchen vertraglichen Regelung erhielten die islamischen Gemeinden in den Kantonen nicht nur Rechtssicherheit, sondern würden auch besser in den vielfältigen Aufgabenbereich gesellschaftlichen Lebens integriert. Zudem würde dies die Zustimmung der muslimischen Gemeinden zu einer funktionsfähigen säkularen Ordnung stärken helfen. Umgekehrt würden all jene islamischen Gruppen und Sekten an Deutungs- und Interventionsmacht verlieren, die für eine Trennung islamischer Gemeinschaften von der Gesellschaft plädieren und sich hierfür radikal-orthodoxer oder ultrareligiöser Auslegungen des Islam bedienen. Genau dies wiederum zeigt, dass auch zwischen den etablierten islamischen Gemeinden und der Gesellschaft eine Interessensgemeinschaft besteht, die durch einen Anerkennungsprozess nur gewinnen kann.

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