Der Kommentar: Betritt man die Büros eines Unternehmens, spürt man oft schon nach wenigen Momenten, wie es der Firma geht. Vergangene Woche, am Hauptsitz von Twitter in San Francisco, war schnell klar: Hier stimmt etwas nicht. Unsere Besuchergruppe wurde frostig begrüsst, die Mitarbeiter starrten apathisch in ihre Bildschirme, und auf die Frage, wo Twitter in fünf Jahren stehen werde, seufzte eine Kaderfrau und sagte: «Das weiss ich nicht. Ich weiss nur, dass alles nochmals schwieriger wird.» Welch ein Unterschied zu Facebook und Google, deren Kathedralen von euphorisierten Mitarbeitern bevölkert sind.

Im Grunde genommen ist Twitter ein phänomenaler Erfolg. Twitter hat zur Ausbreitung des Arabischen Frühlings vor fünf Jahren womöglich entscheidend beigetragen. Twitter hat superschnell vor Erdbeben gewarnt und Menschenleben gerettet. Twitter hat Politikerkarrieren befördert und beendet. Der 140-Zeichen-Dienst hat Geschichte geschrieben, doch nur zehn Jahre nach seinem Start wirkt er selber wie ein Fall fürs Geschichtsbuch.

Die Nutzerzahl von Twitter stagniert seit längerem. Für Politiker, Promis und Journalisten ist er nützlich wie eh und je, darüber hinaus aber verzichtbar. In der digitalen Welt ist Wachstum alles und Stillstand das Ende. Der Aktienkurs ist schon am Boden und signalisiert: Die besten Zeiten sind vorbei. Twitter ist es nicht gelungen, sich weiterzuentwickeln. Ganz anders als Facebook, das sich in alle Richtungen ausbreitet und die ganze Welt und das ganze Leben in seinen Stream zwingen will. Das ist weitaus unsympathischer als Twitter. Aber weitaus erfolgreicher.

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