Der Kommentar: Man reibt sich die Augen. Da erbt das Kunsthaus Bern einen bedeutenden Kunstschatz. Doch statt zu jubeln, dominieren die Zauderer, Bedenkenträger, Warner, Zweifler, Nörgler, Skeptiker und Neider die Debatte. Und das Kunsthaus liess verlauten, dass nicht entschieden sei, ob das Erbe überhaupt angetreten werde. Betont werden die hohen Kosten, die hohe Erbschaftssteuer, die heikle ethische Frage, ungeklärte juristische Fragen. Dazu wird die zweifelhafte Rolle der Schweiz in Sachen Raubkunst wieder aufgerollt.

Klar, das alles muss sorgfältig abgeklärt werden, und sicher sollen die Besitzverhältnisse der Bilder geklärt werden. Doch bei allem Verständnis für die Bedenken: Diese Chance darf sich die Schweiz nicht entgehen lassen. Mit Kleinmut ist gar nichts zu gewinnen. Auch wenn die Sammlung vielleicht nicht die erhoffte kunsthistorische Bedeutung hat, sie ist beispielhaft für die Geschichte des Kunsthandels in den letzten 80 Jahren und der spektakulärste Kunstfund der Nachkriegszeit. Bern würde für eine Weile zur Kunst-Metropole. Zu einem Pilgerort der Kunst.

Ideen und Visionen sind gefragt. Wieso nicht gross anrichten? Wieso nicht eine ständige Gurlitt-Ausstellung oder sogar ein eigenes Gurlitt-Museum? Die bayrische Regierung wollte ein Schloss als Ausstellungsort für die Gurlitt-Sammlung suchen. Wieso nicht in einem Schloss in der Schweiz? Oder noch grösser gedacht: Wäre es nicht eine Gelegenheit für die Schweiz, ein grosses Museum für «entartete Kunst» aufzubauen? Mit der Gurlitt-Sammlung als Basis. Ein Museum, in welchem «entartete Kunst» gezeigt wird und die Raubkunst und die umstrittene Rolle der Schweiz thematisiert und gleichzeitig aufgearbeitet wird.

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