Der Kommentar: Er hat der rebellierenden, aufbegehrenden Jugend eine Stimme gegeben. Er war die Symbolfigur des Protests. Der erste Pop-Poet, der triviale Folksongs in Kunst verwandelte. Seine Verdienste für die Popkultur des 20. Jahrhunderts sind gross, unbestritten und der Literaturpreis für sein Lebenswerk überfällig. Wieso also erst jetzt?

Dylan wurde seit Jahren gehandelt. Seine prägende Rolle in den 60er-Jahren liegt lange zurück. In seiner Begründung würdigt das Komitee ausdrücklich auch sein Spätwerk, als Dylan seine Schreibweise neu definierte und eine mit Reverenzen gespickte Collagetechnik anwandte. Auch das ist eine Weile her.

Dylan ist zwar immer noch auf seiner «Never Ending Tour» unterwegs, hat uns heute aber kaum mehr etwas zu sagen. Stattdessen interpretiert er Lieder aus dem «Great American Songbook» und gibt dabei eine jämmerliche Figur ab. Dylan, so scheint es, ist als Chronist der Zeit verstummt. Insofern ist der Zeitpunkt der Würdigung fragwürdig. Und der Literatur-Nobelpreis bleibt ein Preis von alten Männern für alte Männer.

Dennoch hat die Entscheidung der Schwedischen Akademie Signalwirkung. Denn mit Bob Dylan erweitert sie den Literaturbegriff und adelt die Popkultur und Popmusik. Leonard Cohen, Bruce Springsteen oder Neil Young reihen sich damit ein in der Liste der denkbaren Preisträger. Und wir freuen uns schon jetzt auf den ersten Rapper, der den Literatur-Nobelpreis erhalten wird. Wie wärs mit dem 29-jährigen Kendrick Lamar, den prägendsten Rap-Poeten der Gegenwart? Vielleicht in vierzig Jahren?

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