Ein GAU für die NZZ

Ob Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz diebisch lächelte, als er am Freitag die Artikel über seine Telefonkonferenz gelesen hat, ist nicht zu verifizieren. Fast in allen Medien stand er als Strahlemann da, der angeblich nur 155 Millionen Franken für die Bank Wegelin bezahlt und damit einen Coup gelandet hatte. Selbst die NZZ kommentierte euphorisch: «Und das alles erhielt die Gruppe zum Schnäppchenpreis».


Nur der «Tages-Anzeiger» hatte richtig hingehört und realisiert, dass Vincenz vom Goodwill gesprochen hat, der für die verwalteten Vermögen bezahlt wurde. Der tatsächliche Kaufpreis ist mit rund 500 Millionen Franken aber mindestens dreimal so hoch. Die meisten Medienleute hatten den Hinweis auf die eingekaufte «Substanz» von Wegelin überhört oder falsch interpretiert.

Ausgerechnet in ihrem eigentlichen Kerngeschäft, der Wirtschaftsberichterstattung, erlebte die NZZ am Freitag also einen rabenschwarzen Tag. Statt nachzufragen und zu recherchieren, liess sie sich vom Raiffeisen-Chef in die Irre führen. Besonders peinlich: Nicht nur berichtete sie falsch, sondern kommentierte und analysierte auf einer völlig falschen Basis. Ein GAU für eine Wirtschaftsredaktion, die sich für die Beste des Landes hält.

Statt etwa per Twitter die Fehlleistung zu korrigieren, blieb an der Falkenstrasse aber alles ruhig. Erst in der gestrigen Ausgabe erfolgte «eine Präzisierung»; aber kein Wort des Bedauerns, keine Entschuldigung und keine Spur von Zerknirschtheit. Gewiss: Fehler können passieren. Auch bei einer NZZ. Sie aber lediglich mit einem «Missverständnis» zu begründen, greift zu kurz.

Raiffeisen-Chef Vincenz ist vorzuwerfen, dass er die für ihn günstige «Schnäppchen»-Interpretation billigend in Kauf genommen hat. Je gewiefter und professioneller Wirtschaftsleute kommunizieren, desto wacher und alerter müssten Journalisten sein.

Dies bedingt kritische Distanz, Sachverstand und Glaubwürdigkeit. Ist es das, frage ich mich, was Verleger und Medienmanager wirklich wollen und fördern?

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