Doch Warren Buffett – das Orakel von Omaha, so sein Spitzname – mag es bescheiden. Der Investor und Inhaber von „Berkshire Hathaway“ wohnt in einem grossen, aber alles andere als prunkvollem Haus an der Kreuzung Farnam und Happy Hollow Boulevard, fünf Minuten mit dem Auto ausserhalb vom Stadtzentrum.

Gleich vor dem Haus liegt die gut befahrene Hauptstrasse. Die Nachbarschaft ist sehr grün und gepflegt. Buffetts Anwohner mögen CEOs von mittelgrossen Firmen oder gut verdienende Anwälte sein, wie ihre ebenfalls grossen Häuser vermuten lassen. Aber dass sie Luxusyachten oder Privatjets besitzen, kann ich mir nicht vorstellen.

Bin ich hier richtig? Ja!
Ich sehe keine Securitymänner oder Wachhunde rund um Buffetts Anwesen. Dafür eine Fernsprechanlage. Ich drücke auf den Knopf.

Hallo?
Nichts. Aber ich gebe nicht auf. Meine offizielle Interviewanfrage vor einigen Monaten blieb zwar unbeantwortet. Aber als Schweizer Journalist wittere ich dennoch meine Chance, schliesslich ist unser Land Buffett nicht fremd. 2009 investierte er drei Milliarden Franken in den damals kriselnden Rückversicherer Swiss Re. Ich laufe auf die andere Seite des Hauses, wo eine weitere Fernsprechanlage steht. Ich versuche es nochmals.

Hallo?
„Hallo?“
Ja! Hallo! Ist dies das Haus von Warren Buffett?
„Er empfängt hier niemanden.“
Das könnte seine Frau sein.
Mein Name ist Benjamin Weinmann, ich bin ein Journalist aus der Schweiz. Hätte Herr Buffett fünf Minuten Zeit für ein paar Fragen?
„Er arbeitet!“
Ok, danke. Bye.

Normale Nachbarn
Das war klar und deutlich. Er arbeitet also. Gut. Die Adresse von „Berkshire Hathaway“ habe ich ja. Als ich in mein Mietauto einsteigen will, das ich eine Strasse weiter abgestellt hatte, verlässt eine Nachbarin ihr Haus. Sie geht mit ihrem Hund Gassi.

Entschuldigung, ich bin ein Reporter aus der Schweiz. Kennen Sie Warren Buffett?
„Nicht persönlich, aber seine Frau sehe ich ständig. Sie ist fast immer draussen und pflegt ihren Garten.“
Die Buffetts sind ganz normale Nachbarn?
„Ja, sie bevorzugen einen einfachen Lebensstil.“

Das hatten mir auch schon die Damen im Tourismusbüro gesagt, die ihn ab und zu in der Stadt spazieren sehen. Und langsam glaube ich tatsächlich daran, an das Bild des bescheidenen, demütigen Milliardärs in Omaha. Buffett gab ja bekannt, dass er 99 Prozent seines Vermögens wohltätigen Zwecken vererben werde, insbesondere der Bill und Melinda Gates Stiftung. Dies setzte zahlreiche andere Milliardäre in der Welt unter Druck, nachzuziehen anstatt ihr Geld ewig zu horten.

Und vergangenen Herbst half er Barack Obama, indem er die Steuerungerechtigkeit in den USA kritisierte. Es sei unfair, dass er einen tieferen Steuersatz auf seinem Einkommen zahle als jeder andere Angestellte in seinem Büro – inklusive seiner Sekretärin. Es war eine Steilvorlage für den Präsidenten, der die Reichen in den USA härter besteuern will.

Buffetts Bierknelle?
Ich fahre Richtung Downtown zum „Berkshire Hathaway“-Hauptsitz. Auch hier werden meine Vorstellungen zerschmettert. Es ist kein Glaspalast, sondern ein ganz normaler Betonklotz, der nicht mal den Namen von Buffetts Firma trägt.

„Sie sind schon richtig hier, hier sind die Hauptbüros von ‚Berkshire Hathaway’“, sagt mir der Sicherheitsangestellte beim Empfang.
Wäre es möglich, Mister Buffett spontan zu treffen?
„Er empfängt niemanden, ausser man hat einen Termin einige Monate im Voraus abgemacht.“

Und so verlasse ich das spartanische Gebäude wieder. Auf der anderen Strassenseite gibt es einen Schnapsladen und zwei Bars, die etwas heruntergekommen scheinen. Trinkt Warren Buffett hier sein Feierabendbier? Mittlerweile könnte ich es mir durchaus vorstellen.

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