Die britische Zeitung «Financial Times» stellte gestern eine interessante Frage: «Wie viele Flüchtlinge aus Syrien haben eigentlich die Golfstaaten aufgenommen?» Und sie lieferte auch die Antwort: «Total 33 Syrer erhielten Asyl in den wohlhabenden Staaten Bahrain, Kuwait, Oman, Katar, Saudi-Arabien und Vereinte Arabische Emirate, und dies seit Ausbruch des Bürgerkriegs 2011». Zur Erinnerung: Insgesamt sind vier Millionen Menschen aus Syrien geflohen.

Bislang sind es primär Europa sowie Syriens Nachbarländer Türkei, Libanon und Jordanien, die Flüchtlinge aufnehmen. Die Amerikaner mit ihrem Präsidenten Barack Obama, Träger des Friedensnobelpreises, fühlen sich nicht zuständig: Weniger als 2000 syrische Asylbewerber fanden bislang Schutz in den USA, obwohl diese ja nicht ganz unbeteiligt sind an der schwierigen Situation in der Krisenregion.

Genau genommen ist es aber auch nicht Europa, sondern nur eine Handvoll europäische Länder, die sich in der Verantwortung sehen. Allen voran Deutschland, das dieses Jahr 800 000 Asylsuchende erwartet. Die in Ungarn gestrandeten Flüchtlinge rufen «Germany, Germany!» und «Merkel, Merkel!». Gestern Samstag kamen rund 10 000 Flüchtlinge via Ungarn in Österreich an – und fast alle wollen nach Deutschland. Denn Kanzlerin Angela Merkel hat signalisiert, dass Verfolgte in ihrem Land willkommen sind: Ihre «Mut-Rede» («Wir schaffen das!») ging um die Welt.

Merkels Offenherzigkeit ist erklärbar. Diese Woche sagte sie an der Universität Bern: «Wir gehören zu den wohlhabendsten Ländern auf der Welt. Wir haben, gerade als Deutsche, Zeiten erlebt, da waren wir nicht das Land, in das man unbedingt kommen wollte. Es ist ein Glück für uns, dass Deutschland heute ein Land ist, mit dem Menschen auch Hoffnungen verbinden. Wir hatten ein geschichtliches Glück mit der Wiedervereinigung. Als ich 30 war, hätte ich mir das nicht träumen lassen. Da hat die Welt uns geholfen. Heute sind wir in der Verantwortung.»

So edel und sympathisch Merkels Haltung ist: Es stellt sich die Frage, ob die Kanzlerin Europa mit dem Willkommenssignal nicht überfordert. Denn es sollen ja nicht alle Flüchtlinge in Deutschland bleiben; nein, Merkel will sie mit einer Quote über die ganze EU verteilen. Deutschland, auch die Schweiz und Österreich sowie die skandinavischen Staaten sind heute schon multikulturelle Länder. Sie können mit Fremden umgehen – solange ihre Zahl nicht zu gross wird. Anders sieht es beispielsweise in Osteuropa aus. Diese Staaten sind nicht erprobt darin, Menschen aus anderen Kulturen zu integrieren. Zumal Menschen, die meist islamischen Glaubens sind und ganz andere Wertvorstellungen haben als wir.

Flüchtlingen Schutz zu bieten, ist primär ein logistisches Problem. Das kann man lösen. Doch viele von ihnen werden da bleiben. Diese Menschen dann in unsere Gesellschaft zu integrieren: Diese Aufgabe ist ungleich grösser.

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