Der Kommentar: Dieser Tage ist Zürich fast menschenleer. Die wenigen Pendler suchen sich im Zug kein eigenes Abteil, sondern einen eigenen Wagen. Busse fahren noch alle 15 Minuten und in Bars ist es ohne akrobatische Verrenkungen möglich, ein Bier zu bestellen. Man kann diese entspannte Zeit geniessen. Oder ein Gedankenspiel wagen: Was, wenn es in den Städten in Zukunft immer so aussieht?

Schweizer Städte kamen erstaunlich gut durch die Krise. Die Produktivität stieg in den letzten Jahren genauso überdurchschnittlich wie das Stellenwachstum. Die Bevölkerung verjüngt sich. Dass Zürich, Basel, Bern und Co. im aktuellsten «Innovation Cities Ranking» abstürzen und Zürich als Schweizer Leader noch auf Rang 72 kommt – nach Leipzig, Bordeaux und Bilbao –, könnte man deshalb als Ranking-Spielerei weglächeln. Doch das wäre fatal. Die Zürcher Vorzeige-Ansiedlung Google beklagt sich über strikte Drittstaaten-Kontingentierung durch den Bundesrat und stellt neues Personal lieber in London ein. Und Nestlé-Chef Paul Bulcke bezweifelt, dass er neue Fabriken noch in der Schweiz bauen würde. Die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative ist noch unklar. Die Wirtschaftsförderer kämpfen für eine Umsetzung in ihrem Sinne. Sie fürchten, sonst den Anschluss zu verlieren.

Dass die wirtschaftliche Schere zwischen den Städten und den Bergregionen in den vergangenen Jahren auseinandergegangen ist, ist für Letztere ein ernstes Problem. Gelöst werden kann es aber sicher nicht, indem der Zuzug von Arbeitskräften in die Wirtschaftsmotoren, die Städte, rationiert wird. Irgendwann sind sonst die S-Bahnen, Bars und Fussgängerzonen tatsächlich leer – genauso wie die Taschen der Bevölkerung.

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