«Der kleine Ogi ist es trotzdem geworden», sagte er uns diese Woche beim grossen Interview in der Rehaklinik in Leukerbad, wo er sich von seiner Rückenoperation erholt. Die Schicksalsschläge haben ihn demütig gemacht. Er wirkt stark, aber im nächsten Augenblick wieder verletzlich und hadert mit Gott, der ihm nicht helfen konnte, als sein Sohn immer kränker wurde. Typen wie Ogi – authentisch, offen, glaubwürdig – sind rar gesät.

Er ist eine Marke. Ein «Brand», wie PR-Experten jubeln würden. Bis zu 50 Briefe täglich bekommt er noch heute. Er beantwortet jeden. Man kann sich Claude Longchamp sparen, um bei einer Umfrage, wer der beliebteste Alt-Bundesrat ist, auf ihn zu kommen: Adolf, genannt Dölf, Ogi – zuerst belächelt, dann bewundert.

Ogi ist Ogi, wenn er den heutigen Bundesrat nicht kritisiert, sondern «ihm helfen will», wie er sagt. Er mag – wie auch Elisabeth Kopp oder Otto Stich – in einer Zeit gewirkt haben, in der es Bundesräte einfacher hatten. Aber: Wir sollten ihm zuhören, denn es ist bemerkenswert, wenn ein Optimist und Patriot wie er zum Schluss kommt: «Die Schweiz wird unregierbar!» Er trifft den Kern des Problems, wenn er jetzt von seinen Nachfolgern verlangt, «den Veston ihrer parteipolitischen Zugehörigkeit in der Garderobe vor dem Bundesratszimmer abzulegen».

Alle gegen alle. Das ist das Motto im Bundesrat. Der bei weitem nicht beigelegte Zoff zwischen Hans-Rudolf Merz und Micheline Calmy-Rey zieht das ganze Siebner-Gremium ins politische Elend. Bundespräsidentin Doris Leuthard versucht Gegensteuer zu geben, aber es ist vorerst beim ungeschickten Versuch geblieben.

Wie nötig eine Regierungsreform ist, zeigt die Libyen-Krise genauso anschaulich wie dramatisch. Es fehlt an Führung. Es fehlt aber auch an Werten, die einen Politiker wie Ogi ausgemacht haben und es immer noch tun. Es fehlt im Bundesrat an Anstand und Respekt.