Der Kommentar: Es ist bald 14 Jahre her, dass Muhammad Said as-Sahhaf, der Informationsminister Saddam Husseins, Kultstatus erlangte: Während des Feldzugs der Amerikaner und der Briten gegen den Irak orientierte er nämlich täglich über die Lage und erzählte ein Märchen nach dem andern, sodass er bald den Spitznamen «Comical Ali» erhielt. Als die Eroberungstruppen längst in der Hauptstadt standen und man den Kampflärm hörte, verkündete er: «Es gibt keine amerikanischen Soldaten in Bagdad». Er log bis zur Lächerlichkeit.

In demokratischen und pluralistischen Systemen mit unabhängigen Medien ist man hingegen anderes gewohnt. Da werden Regierungen durch kritisches Nachfragen zur Wahrheit gezwungen. Doch auch solche Systeme sind durchaus für Überraschungen gut. Denn inzwischen gibt es im Weissen Haus in Washington gleich zwei Comical Alis: Präsident Donald Trump und sein Pressechef Sean Spicer. Beide streiten Fakten ab und verbiegen die Wahrheit. Sie lügen bis zur Lächerlichkeit.

Präsident Trump schafft sich seine eigene Wahrheit, indem er sich durch Fernsehsendungen zappt, zusammenhanglos Informationen aufschnappt und dann seine Kommentare twittert. Er kommuniziert an den klassischen Kanälen vorbei direkt mit der Bevölkerung. Und die traditionellen Medien beschimpft er als «Feinde des amerikanischen Volkes».

Doch just dieses amerikanische Volk glaubt den Medien mehr als dem Präsidenten. Eine nationale Umfrage der Quinnipiac University in Hamden im Bundesstaat Connecticut ergab, dass 52 Prozent der Bevölkerung den Medien zuneigen, wenn es um Glaubwürdigkeit geht, aber nur 37 Prozent Donald Trump. Noch schwört die Mehrheit in den USA auf Fakten. Doch Trump erreicht mit seinem Verhalten zweierlei:

Erstens verschärft er die Spaltung des amerikanischen Volkes. 78 Prozent der Republikaner glauben Trump, 86 Prozent der Demokraten glauben den Medien. Der Präsident baut keine Brücken, im Gegenteil: Er trägt dazu bei, dass zweierlei Nachrichtenwelten entstehen und dass das, was die einen für die Wahrheit halten, für die anderen eine Lüge ist.

Zweitens eint er die Medien, indem er alle publizistischen Akteure, ob progressiv oder konservativ, dazu treibt, die journalistischen Prinzipien hochzuhalten und den Quellen zu misstrauen, Fakten zu überprüfen, kritische Fragen zu stellen und Hintergründe zu recherchieren. Er spornt die Medien an, sich als Widersprecher der Regierung zu verstehen und nicht als Lautsprecher.

Zwar neigen politische Journalistinnen und Journalisten immer auch dazu, sich nach der Macht auszurichten. Sie wollen von den politischen Akteuren anerkannt sein, von ihnen Informationen gesteckt bekommen, sie zu Interviews treffen. Aber diese Neigung ist beispielsweise in Frankreich, in Italien und in Österreich ausgeprägter als in den USA. Der amerikanische Journalismus verstand sich seit je als kontrollierende Macht und nicht als eine, die mitregiert.

Noch wirkt die peinliche Erfahrung nach, dass 2001–2003 viele Medien, selbst die «New York Times», patriotisch statt journalistisch auf den von George W. Bush ausgerufenen «Kriegs gegen den Terror» und den Irakkrieg reagierten und Fehlinformationen übernahmen. In dieses Fahrwasser wollen sie nicht wieder geraten. Deshalb ist zu erwarten, dass sie unverdrossen Lügen aus dem Weissen Haus anprangern und richtigstellen. Und wie sich zeigt, ist die Arbeit im Dienst der Faktentreue sogar ein Geschäft: Grosse Qualitätsblätter und wichtige Nachrichtensender erhalten zusätzlichen Zulauf.

Das heisst nicht, dass die Medien Präsident Trump von vorneherein abschreiben und ihm überhaupt keine Chance geben. Fairer Journalismus verlangt, dass die Medienleute alle Ereignisse, Entscheide und Entwicklungen unvoreingenommen referieren, in einen Kontext stellen, entsprechend interpretieren und auch kommentieren. Wenn Donald Trump Probleme löst, verdient er Lob. Wenn er aber nur poltert, vertuscht und lügt, ist es die vornehme Aufgabe der Medien, als Wachhund der Demokratie darüber Öffentlichkeit herzustellen.

Und vielleicht erreicht Trump, dass die Medien, auch in der Schweiz, noch genauer, noch fairer und noch kritischer nach allen Seiten werden, als sie es bisher schon waren.

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