Die Nachricht:
Die Botschaft ist allgegenwärtig: Die Digitalisierung verändert die Welt. «Kein Bereich, der davon nicht betroffen wird», kann man immer wieder hören und lesen.

Der Kommentar:
«All diese Entwicklungen sind einem ungeheuer schnellen Wandel unterworfen, einer Strömung, die so machtvoll ist, dass sie Institutionen stürzt, unsere Wertbegriffe ändert, uns entwurzelt. Schon die Beschleunigung, mit der die Veränderungen über uns hereinbrechen, bildet einen Faktor von elementarer Bedeutung.» Die beiden Sätze könnten aus einem der unzähligen Artikel über den Siegeszug der Digitalisierung stammen. Nur: Sie sind bereits 46 Jahre alt und stehen in der Einleitung des damaligen Welt-Bestsellers «Der Zukunftsschock» von Alvin Toffler.

Toffler beschreibt die neue Zeit, die er «Superindustrialisierung» nennt. Ihr Motor ist eine atemberaubende Entwicklung der Technologie, verbunden mit einem nie erlebten Beschleunigungsschub. Die Geschwindigkeit der Transportmittel wird sich ohne Unterlass erhöhen. Die Zuwanderung in die Städte revolutioniert den Städtebau. Es werden unterirdische Städte mit Läden, Museen, Lagerhäusern und Fabriken gebaut, bewohnt von Menschen mit implantierten Kiemenorganen. «Innerhalb von fünfzig Jahren wird der Mensch ins Meer ziehen.» Andere Städte werden auf Stützpfeilern ins Meer gebaut. Als Fertigungsverfahren wird sich eine nach dem Lego-Prinzip funktionierende «Zusammensteckarchitektur» durchsetzen. Die Fortschritte auf dem Gebiet der Wettervorhersage und der Technologie werden den Menschen befähigen, das Wetter zu kontrollieren. Sonnenschein, Stürme oder Dürreperioden können ausgelöst werden (weshalb ein internationaler Wetterrat vorgeschlagen wird). Klonverfahren ermöglichen es den Menschen, ihre eigene Wiedergeburt zu erleben. Eine Herde von lernfähigen Robotern dringt in alle Lebensbereiche ein. «Ich glaube nicht, dass es eine Aufgabe gibt, die eine Maschine nicht erfüllen kann.» Die Menschen werden zu Nomaden, die Bindung an die Nation lockert sich, Eigentum wird durch Miete abgelöst. In Warenhäusern wird man weniger kaufen und mehr mieten. Kinder tragen bemalbare Papierkleider. Neue Organisationsmodelle lösen die traditionellen hierarchischen Strukturen ab. Diese neuen Organisationsformen führen zum Zusammenbruch der Bürokratie.

Fast ein halbes Jahrhundert später ist der Befund klar. Keine einzige dieser damals so überzeugt vorgetragenen Zukunftsvisionen ist Wirklichkeit geworden. Einiges können wir heute als Spinnerei ablegen (Unterwasserstädte mit Kiemenmenschen). Anderes hat sich gerade umgekehrt entwickelt. Seit dem Rückzug der Concorde ist die maximale Reisegeschwindigkeit der Flugzeuge zurückgegangen. Das Klima wird nicht kontrolliert, sondern gerät ausser Kontrolle. Vom Verschwinden der Bürokratie mögen wir nicht einmal mehr träumen. Statt Entwurzelung sehen wir uns wachsendem Nationalismus gegenüber. Roboter schlagen zwar die besten Schach- und Go-Spieler, aber die einzigen Roboter, die uns den Alltag erleichtern, schneiden den Rasen und saugen den Staub auf, aber auch nur, wenn die Flächen nicht zu verwinkelt sind. Immerhin haben sich die lernfähigen Superroboter in die Digitalisierungsagenda von heute retten können. Und die Superindustrialisierung heisst heute Industrie 4.0.

Unser Blick zurück zeigt, dass die Erkenntnis des grossen Wissenschaftsphilosophen Karl Popper von der «fundamentalen, grossen und unabänderlichen Unvorhersehbarkeit der Welt» zeitlos gültig ist. Wer die Berichte zur Digitalisierung aufmerksam liest, stellt fest, dass sich in die Euphorie Skepsis mischt. Nach dem Anthropologen David Graeber verlangsamt sich das Tempo des wissenschaftlichen Fortschritts seit den Sechzigerjahren. Im «Spiegel» wird gar das Ende des Innovationszeitalters ausgerufen und die rhetorische Frage gestellt: «Was ist eine Virtual-Reality-Brille im Vergleich zur Erfindung der Glühbirne?» Fast verschämt wurde mitgeteilt, dass das Moorsche Gesetz am Ende sei. Bis anhin galt es als unverrückbare Tatsache, dass sich die Leistungsfähigkeit der Computer alle anderthalb Jahre verdoppelt. Nun entlässt der grösste Chiphersteller Intel Personal. Was zeigt, dass jedes exponentielle Wachstum seine Grenze hat.

Dass sich die Welt rasch und fundamental verändert, scheint klar. Wie sie sich verändert, ist offen. Misstrauen Sie jedem, der Ihnen weismacht, die Zukunft zu kennen. Die gute Nachricht ist: Auf einen Roboter, der Ihre Wäsche bügelt, dürfen Sie immer noch hoffen.

*Benedikt Weibel
war CEO der SBB. Heute ist er Honorarprofessor an der Universität Bern, Publizist, Präsident und Mitglied verschiedener Verwaltungsräte

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