Die Nachricht: Flüchtlingselend auf der Ostroute, steigende Asylzahlen in der Schweiz, Angst vor einer Islamisierung: Abt Urban Federer vom Kloster Einsiedeln äussert sich erstmals ausführlich über die Entwicklungen.

Der Kommentar: Der Arabische Frühling war ohne Social Media nicht denkbar. Facebook und Twitter waren für die Menschen unerlässlich, um sich zu mobilisieren. Die Revolutionen fanden zwar auf der Strasse und nicht im virtuellen Raum statt, aber Social Media brachten Informationen übers Handy schnell zu den Menschen. Damit ist auch klar: Die Menschen im nördlichen Afrika und im Nahen Osten sind digital unterwegs, wie wir.

Bereits bei einem Besuch auf den Philippinen ist mir aufgegangen: Menschen mögen noch so arm sein, sie besitzen zumindest ein Handy und ein TV-Gerät, denn auch sie wollen kommunizieren. Dabei sehen sie natürlich auch, was sie nicht haben: unseren Reichtum. Westliche Sender strahlen schon seit Jahrzehnten in andere Kontinente und wecken dort die Sehnsucht nach unserem Leben. Bis jetzt war die westliche Welt digital in anderen Regionen unserer Welt präsent.

Doch auch in einer digitalen Welt gibt es den Traum nach einer besseren Realität, nicht erst beim Arabischen Frühling. Und so kommen sie nun: Die Menschen, die wir nicht eingeladen haben. Die Frage ist eigentlich nicht, warum diese Menschen gerade jetzt kommen. Die Frage müsste eher lauten: Warum sind sie nicht schon früher gekommen? Seit den 70er-Jahren wurde es immer offensichtlicher: Im Norden brachte der wirtschaftliche Boom Wohlstand, im Süden Probleme. Die Technik hat beide Realitäten übertragen. Hat der Süden besser hingeschaut?

Nicht nur die Technik hat der Westen in andere Länder gebracht. Leider auch unsere Probleme. Der Streit zwischen Israel und Palästina hat viel mit Europa zu tun, und solange er nicht beigelegt werden kann, kommt die ganze Region nicht zur Ruhe. In Syrien sind Waffen aus der Schweiz im Einsatz. Überhaupt kämpfen dort nicht nur die verfeindeten Parteien dieses Landes, sondern sie werden unterstützt von ganz vielen Ländern, auch aus Europa. Umgekehrt hat diese Region uns vieles eingebracht: einen Teil unseres Reichtums. Tony Blair entschuldigte sich unlängst für «einige Aspekte des Irakkriegs». Das Erdöl dürfte als Kriegsgrund wohl doch wichtiger gewesen sein als vermeintliche Vernichtungswaffen. Der Irakkrieg hat aber auch etwas hervorgebracht, das wir nun bekämpfen: den sunnitischen Terrorismus, vor allem den IS.

Eine solche Zusammenstellung kann nur unvollständig sein und trägt der Realität kaum Rechnung. Sie zeigt mir aber etwas Wesentliches auf: Europa hat nicht nur mit den Asylsu-chenden bei uns zu tun, sondern auch mit den Problemen, vor denen Menschen zu uns fliehen. Armut in anderen Kontinenten kann nicht getrennt werden vom Reichtum bei uns, auch nicht deren Kriege. Dazu kann ich nicht einfach den Mahnfinger erheben. Vielmehr weiss ich, dass ich Teil dieser interkontinentalen Vernetzung bin: Auch ich profitierte und profitiere davon. Der Begriff digital stammt vom lateinischen digitus, Finger. Den Finger kann ich nicht erheben, den Finger auf Probleme legen schon. Die Menschen, die fliehen, sind ebenfalls digital unterwegs, vom Süden nach Norden, vom Osten nach Westen. Sie fliehen vor Gewalt, Armut und Unsicherheit, mit ihrer Heimat verbunden über ihr Handy. Niemand verlässt eine Heimat freiwillig. Und niemand setzt das Handy nicht ein, wenn er oder sie die Möglichkeit dazu hat. Als das Mittelmeer immer mehr zu einem riesigen Friedhof wurde, setzten die Flüchtenden auf neue Routen. Überall, wo Grenzen geschlossen wurden, fanden sich neue Wege. Hohe Zäune tun vor allem eines: Sie verschieben Fluchtrouten. Länder, die viele Flüchtende aufnehmen, stossen an ihre Grenzen. Völker sind in Bewegung – nicht nur wir sind mobil. Die digitale Vernetzung macht auch das möglich!

Eine einfache Lösung für die Flüchtlingsströme gibt es nicht. Dafür müssten die Probleme vor Ort gelöst sein. Und hier? Wir sind nicht nur Teil eines Problems, wir sind auch Teil einer Lösung. Dafür müssen wir uns der Situation stellen. Vier Anstösse möchte ich uns hier dazu geben im Wissen, dass es nur Anstösse sind.

Einmal können wir selbst handeln; im Kloster Einsiedeln nehmen wir seit den 80er-Jahren Flüchtlinge auf. Das persönliche Kennenlernen erleichterte dabei immer das Integrieren. Ich werde einem Menschen nie sagen können: Du darfst nicht sein! Auch wenn ich ihn nicht gerufen habe. Mein Glaube erkennt in jedem Menschen ein Abbild Gottes, jeder Mensch hat eine Würde. Auch kann ich Flüchtende nicht wegschicken aus Angst vor Islamisten. Vor diesen sind viele Menschen ja geflohen und würden so zweimal bestraft.

Zweitens müssen wir dort helfen, wo die Probleme Menschen nach Europa treiben. Bei einem internationalen Kongress erzählte mir neulich eine Lehrerin aus dem Libanon, sie hätten mehr als 2 Millionen Flüchtlinge auf etwa 5 Millionen Einwohner. Das Land könnte kollabieren. Sie brauchen Hilfe vor Ort. Nicht nur Geld, sondern vor allem Bildung und Perspektiven.

Der dritte Anstoss ist wohl der wichtigste: Für den Nahen Osten und damit für die Menschen, die sich auf den Weg zu uns machen, braucht es dringend neue Friedensinitiativen. Wir dürfen uns nicht an das Leiden anderer gewöhnen oder uns nicht mehr dafür interessieren. Leider hält uns gerade die Beschäftigung mit den Flüchtlingen davon ab, den Ländern zu helfen, aus denen sie fliehen.

Doch sollten wir uns gerade jetzt – und hier wäre ich beim vierten Anstoss – vernetzen. Wir können diese komplexen Probleme nicht allein lösen. Nicht die Gleichgültigkeit bedarf der Globalisierung, sondern die gegenseitige Hilfe! Dafür braucht es alle: Über Partei-, Landes- und Religionsgrenzen hinaus müssen wir Zusammenarbeit suchen. Ein einzelnes Land ist schnell überfordert. Aufnahme und Integration gehen nur gemeinsam, Hilfe vor Ort kann nur gemeinsam effektiv sein. Und die Suche nach Frieden braucht den Willen aller. Warum sich nicht auch digital vernetzen, wenn doch internationale Player wie die Kirchen hier wie dort zu Hause, die Regionen Europas und des Nahen Ostens schon längst wirtschaftlich und politisch vernetzt sind? Könnten wir Menschen im Norden und im Süden einander im konkreten Alltag nicht helfen – hier wie dort –, wo welche Hilfe zu holen oder zu bringen ist, welches Wissen wir für welche Personengruppen brauchen? Könnten wir uns nicht digital warnen vor Hasspredigern und Menschen, die, statt Frieden zu bringen, Gewalt ausüben wollen? Wie wäre es mit einem digitalen Frühling? Eine friedliche Revolution müsste dann immer noch auf der Strasse und nicht im virtuellen Raum stattfinden, aber wir wären vernetzter. Diese Krise meistern wir nur, wenn wir die Finger auf die wirklichen Probleme legen und sie vernetzt zu lösen versuchen. Dann kann sie so manchen aus seiner Gleichgültigkeit aufwecken – hier wie dort. Wir müssen aber wollen. Wollen wir?

* Urban Federer (47) ist der 59. Abt des Klosters Einsiedeln SZ. Er unterrichtet an der Stiftsschule des Klosters Deutsch und Religion.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper