Doch es gibt auch eine andere Realität. Wir sehen, dass der Grossteil der Asylsuchenden in der Schweiz keine Familien aus dem Kriegsland Syrien sind, sondern junge Männer aus Eritrea. Dass auch Leute hierher kommen, die nicht bedroht sind, sondern einfach ein besseres Leben wollen – viele von ihnen aus Kulturen, deren Werte unseren Grundsätzen von Freiheit und Gleichberechtigung zuwider laufen. Bislang war diese Realität in der Schweiz nicht das Hauptthema, höchstens unter der Oberfläche, denn die Flüchtlingszahlen waren im internationalen Vergleich eher moderat. Es scheint aber so, als würde sich das gerade ändern: Auf einmal korrigiert der Bund die Zahlen nach oben. An der Ost-Grenze haben sich die Übertritte zuletzt verdoppelt.

Man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass die Debatte um die richtige Asylpolitik in Zeiten der grössten Flüchtlingsströme seit dem Zweiten Weltkrieg bei uns erst begonnen hat. Schaffen wir das? Diese Frage wird sich auch der Schweiz stellen. Angela Merkel hat sie im September für Deutschland bejaht; auf die Offenherzigkeit folgte nun aber in dieser Woche die Verschärfung des Asylrechts. Gleiches geschah in Schweden, das nebst Deutschland die grosszügigste Aufnahmepraxis kannte.

Die Debatte wird schwierig werden. Zwei Lehren aus Deutschland lassen sich ziehen: Erstens ist es kontraproduktiv, missliebige Meinungen zu unterdrücken und vorschnell die Keule der Ausländerfeindlichkeit zu schwingen. Das hilft nur den Extremisten. Zweitens sollten wir all jenen misstrauen, die einfache, schnelle Lösungen versprechen. Politiker, die das tun, überschätzen sich entweder selbst. Oder sie sind Scharlatane.

Wir kommen nur weiter, wenn wir beide Seiten der Realität anerkennen: wenn wir weder herzlos noch naiv sind.

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