Der Kommentar: Darf man es heutzutage noch wagen, Änderungen an unserem Vorsorgesystem anzuregen? Die Reaktionen der vergangenen Tage auf meinen Vorschlag der längeren BVG-Beitragspflicht und einer Flexibilisierung des Rentenalters (nach oben UND unten!) haben gezeigt: Dies ist und bleibt ein heisses Eisen. Die auf Online-Foren und in den Medien geführte Debatte ist kontrovers, so schreibt ein User auf 20minuten.ch: «Erst mal sicherstellen, dass man ab 50 noch einen Job erhält!», währenddem ein anderer meint: «Die Lebenserwartung steigt und steigt, es ist nur konsequent, dass auch das Rentenalter erhöht wird. Mathematik interessiert sich nicht dafür, was populär ist.» Dies zeigt deutlich: Die Bürgerinnen und Bürger dieses Landes wollen überzeugt werden, wenn es darum geht, Veränderungen am 3-Säulen-System vorzunehmen. Dazu möchte ich meinen Beitrag leisten.

Ein entscheidender Faktor für die Zukunft der Vorsorgesysteme ist die Alterung der Gesellschaft. Diese wirkt gleich in dreifacher Hinsicht: Erstens sind wir schon heute mit einer Pensionierungswelle konfrontiert, die noch lange anhalten wird. Zweitens haben wir immer weniger Kinder. In den meisten europäischen Ländern – auch in der Schweiz – steht die Bevölkerungspyramide bald auf dem Kopf. Und drittens leben die Pensionierten immer länger, bei steigender Tendenz. Diese Entwicklungen führen zu einem gleichermassen einfachen wie beunruhigenden Resultat: Uns fehlen die Erwerbstätigen, währenddem immer mehr Rentner Leistungen beziehen (womit auch klar wird, dass wir gerade auf die älteren Arbeitnehmer in Zukunft mehr denn je angewiesen sein werden). Seit der Einführung der AHV im Jahre 1948 haben wir diese Entwicklungen im Vorsorgesystem nicht nachvollzogen, denn sonst wäre das rechnerisch richtige Pensionsalter bereits heute deutlich höher.

Im Moment stellen wir uns gerade auch in der beruflichen Vorsorge selbst ins Abseits, weil wir uns von ökonomischen und sozialpolitischen Realitäten immer mehr abkoppeln. Wichtige Parameter wie Mindestzins und Umwandlungssatz sind und bleiben falsch eingestellt – das attestieren heute sogar ehemals fundamental anders eingestellte Sozialpolitiker. Und der Finanzmarkt als sogenannter «dritter Beitragszahler» hat im Zuge der Finanzkrisen und im aktuellen Tiefzinsumfeld massiv an Ertragskraft eingebüsst. Man kann es drehen und wenden, wie man will: Wenn wir diese Realitäten nicht nachvollziehen, führt das unweigerlich zu einem Vorsorge-Fiasko, das unsere Kinder und Grosskinder mit voller Wucht treffen wird.

Die Fakten sind bekannt und eindeutig. Die Meinungen und Interessen klaffen hingegen immer noch weit auseinander. Das erstaunt nicht: zum einen, weil es um die Reduktion von Besitzständen geht. Zum andern, weil die zu lösenden Probleme sehr langfristiger Natur sind. Lösungsansätze für die nachhaltige Sicherung unseres Vorsorgesystems ergeben sich meines Erachtens aus einer Kombination der folgenden Massnahmen:

Die Berufs- und Ruhestandjahre müssen in ein ausgewogenes Verhältnis gebracht werden, das bedeutet bei einer steigenden Lebenserwartung eine längere Lebensarbeitszeit. Zudem soll die BVG-Beitragspflicht mit dem Eintritt ins Berufsleben starten.

Das Renteneintrittsalter muss flexibilisiert werden: Der Arbeitnehmer entscheidet selbst, wann er in Pension geht. Damit einher geht die Abschaffung von Anreizen für Frühpensionierungen.

Sparbeiträge müssen erhöht und der Umwandlungssatz gesenkt werden. Sich daraus ergebende negative Auswirkungen für Einkommensschwache müssen mit Begleitmassnahmen abgefedert werden.

Obligatorium und Überobligatorium sollten in der zweiten Säule klarer getrennt werden – mit einer Vereinfachung in Sachen Administration. Dies auch, um die gegenwärtig zunehmende Quersubventionierung vom überobligatorischen in den obligatorischen Teil zu unterbinden.

Sämtliche sich aus den gegenwärtigen Vorsorgegesetzen ergebenden Diskriminierungen älterer Arbeitnehmer (z.B. höhere Beitragspflicht im BVG) müssen reduziert oder eliminiert werden.

All diese Umstellungen müssen in kleinen Schritten – z. B. über eine ganze Generation hinweg – umgesetzt werden, damit sie für die Versicherten überblickbar, planbar und vor allem sozialverträglich bleiben.

Wir stehen in diesem Land alle in der Pflicht, auf die grossen Vorsorgefragen langfristige Antworten zu finden. Ich plädiere für eine Abkehr von der ungerechten Umverteilung und der Verlagerung der Probleme auf die Schultern künftiger Generationen. Die Probleme zu verdrängen, ist unsozial, unverantwortlich und unrealistisch.

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