Die WM der Gartenzwerge

Die Nachricht: Was in Lausanne und Basel geht, ist in Zürich unmöglich. Die Mitternachtsspiele der Fussball-WM dürfen nicht draussen gezeigt werden.

Der Kommentar: Das Leben verlagert sich in die Öffentlichkeit. An schönen Tagen, das zeigte die vergangene Frühlingswoche, wird der öffentliche Raum in den Städten der Schweiz nahtlos in den eigenen Tagesablauf integriert. Picknicken am See und Mittagsschlaf auf dem Rasen, den noch vor zehn Jahren ein «Betreten verboten»-Schild zierte, sind urbane Realität. Die Schweiz wird mediterran.

Nun steht das grösste Sportereignis der Welt vor der Tür. Im Juni und Juli werden die 32 besten Fussball-Teams der Welt um den Titel kämpfen. Wer jedes Spiel sehen will, muss aufbleiben. Etliche Spiele beginnen erst um Mitternacht.

Gerne würde der Fussballfan die Partien in einem lauschigen Gartencafé oder einem stimmungsvollen Public-Viewing verfolgen. Das haben bereits erstaunlich viele Städte kapiert. So liberal wie Lausanne und Basel sind noch nicht alle, aber mit Genf und St. Gallen finden sich weitere Beispiele einer urbaneren Bewilligungspraxis.

Auf der anderen Seite der Skala stehen die Nachtwächter. Sie verteidigen ihre zwinglianischen (Zürich) und bundesstädtischen Reviere (Bern) konsequent.

Besonders gross ist die Diskrepanz zwischen Selbstbild und Verwaltungspraxis in Zürich: Das Image des gesellschaftlichen Zentrums des Landes trifft auf die Gartenzwerg-Mentalität der Regierung. Wo aber die Nachtruhe sogar während eines nur alle vier Jahre stattfindenden Grossereignisses über alles gestellt wird, mag es schön sein und lebenswert, aber sicher nicht grossstädtisch.

Der Weg zum Mittelmeer ist noch weit.

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