Der Blick von aussen ist erhellend. Der Abstimmungskampf war kein Ruhmesblatt für die Eliten und Meinungsmacher aus Politik, Wirtschaft und Medien. Wer für Ecopop ist, wurde als Rassist, Faschist oder Spinner hingestellt; mit der Sache selbst hat man sich zu wenig befasst. Obwohl von Blocher bis zur SP das ganze Establishment für ein Nein plädierte (das gilt auch für diese Zeitung), dürften heute 30 bis 40 Prozent oder gar mehr der Aussenseiter-Initiative zustimmen. Jedem ist klar, dass es hierzulande nicht so viele Rassisten, Faschisten und Spinner geben kann.

Ein Stück weit haben wir die gesellschaftliche Spaltung also bereits. Ecopop ist dabei bloss ein Symptom. Das Problem liegt tiefer: Der gesellschaftliche Zusammenhalt – immer eine Stärke der Schweiz – hat gelitten. Insbesondere der Zusammenhalt zwischen den Regionen. Schaut man sich das Abstimmungsverhalten bei umstrittenen Vorlagen an, gibt es «die» Schweiz nicht mehr. Es gibt vier Schweizen, und jede hat das Gefühl, wegen der anderen unter die Räder zu kommen:

– Die urbane Schweiz fühlt sich vom Land und von der Agglo stranguliert, weil diese die Masseneinwanderungsinitiative mit den Ausländerkontingenten angenommen haben.

– Die Bergler-Schweiz sieht sich von den Städten und der Agglo ihrer Entwicklung beraubt, weil diese in ihrer Sehnsucht nach Natur die Zweitwohnungsinitiative und das Raumplanungsgesetz angenommen haben.

– Die ländliche Schweiz fürchtet, zum Zufluchtsort für Ausländer, Asylbewerber und Sozialfälle zu werden, da die Mieten in den Städten unbezahlbar geworden sind.

– Die Agglo-Schweiz pendelt in überfüllten Zügen und auf verstopften Strassen in die Stadt und stimmt darum besonders zahlreich ausländer- und wachstumskritischen Initiativen zu.

Die Bruchlinien werden sich auch am heutigen Sonntag wieder zeigen, nicht nur bei Ecopop, sondern auch bei der Pauschalbesteuerungs-Initiative, wo die Klagen aus den Bergen an die Klagen aus den Städten wegen der Masseneinwanderungsinitiative erinnern.

Man soll die Gräben nicht dramatisieren; verglichen mit anderen Ländern sind die Zentrifugalkräfte begrenzt. Das bleibt so lange der Fall, als sich die Wirtschaft hierzulande dynamisch entwickelt und für alle etwas abfällt – und solange Kantone und Regionen die Freiheit haben, sich mit einer eigenen Strategie zu behaupten. So haben es die früheren Armenhäuser Schwyz und Nidwalden dank einer Tiefsteuerstrategie, die der Steuerföderalismus zulässt, zu Wohlstand gebracht. Und die Städte, in den 90er-Jahren tief im Schuldensumpf, haben von der Internationalisierung und der Personenfreizügigkeit profitiert.

Gefährlich wird es, wenn der regionale Egoismus überhand nimmt, sodass man sich gegenseitig die Entwicklungsgrundlagen kaputtmacht. «Reden ist Gold» gilt darum nicht nur bei Ecopop. Entscheidend ist vor allem, dass man in den vier Schweizen wieder ein Verständnis füreinander entwickelt und sich bewusst ist, dass nur dann «die» Schweiz Erfolg haben kann.

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