Der Kommentar: Ausgerechnet einen Tag nachdem die SBB ihre Ticket-Preise um durchschnittlich 5,2 Prozent erhöht hatten, ging auf den Schienen das Chaos los. Die SBB, die ihren Preisaufschlag mit dem tollen Angebot und der unerreichten Qualität rechtfertigen, brachten diese Woche nur gerade 68 Prozent der Passagiere pünktlich ans Ziel. Normalerweise sind es 90 Prozent.

Das trieb vielen Passagieren die Zornesröte ins kalte Gesicht. «Verdammte H...tochter von einer SBB», hörte ich einen ordentlich gekleideten Mann fluchen, der ein paar Minuten länger als sonst warten musste, bis sein Zug einfuhr. Neuerdings verschaffen Passagiere am Rand eines Nervenzusammenbruchs auch auf den Social Media ihrem Ärger Luft.

Warum so hysterisch, liebe Pendler? Zehn Minuten Wartezeit am Perron haben es mir erlaubt, noch rasch einen Kaffee zu holen – und noch selten habe ich dessen Wärme so sehr genossen. Verspätungen, ein verpasster Anschlusszug: Das ist geschenkte Zeit! Zeit, aus der Routine auszubrechen, sich mal noch kurz ins Café zu setzen, an dem man sonst immer vorbeihetzt, und in der Zeitung in einem Bund zu lesen, den man sonst links liegen lässt. Zeit, mit anderen Pendlern zu sprechen. Beim berühmten Blackout 2005 haben sich Menschen kennen gelernt, die heute verheiratet sind. Verspätungen können ein Leben verändern!

Ja, es stimmt: Eigentlich sollte der Winteranfang in einer Winternation kein Bahnchaos auslösen. Vielleicht aber sind unsere Züge doch nicht ganz so seelenlos, sondern müssen sich wie die vielen Pendler zuerst an die Eiseskälte gewöhnen. Nun, das Wintermärchen ist vorerst vorbei. Aber: Fortsetzung folgt. Ganz bestimmt.

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