Der Kommentar: Alle Jahre wieder, kurz vor Weihnachten, beglückt uns das Wirtschaftsmagazin «Bilanz» mit seiner güldenen Ausgabe. Seit 1989 dürfen wir uns freuen über die Parade der Reichsten. Qualifiziert für diese Liste sind in der Schweiz wohnhafte Menschen, die mehr als 100 Millionen Franken Nettovermögen auf die Waage bringen.

Davon gibt es natürlich mehr als die in der «Bilanz» gelisteten 300. In den Archiven des Wirtschaftsmagazins fänden sich eigentlich genug, um auch eine 400er- oder gar 500er-Liste zu publizieren – von den «Verdächtigen» hart an der 100-Millionen-Limite ganz zu schweigen. Schliesslich leben in unserem schönen Land 562 000 Millionäre, mehr als in Deutschland und in Relation zur Bevölkerung glatt doppelt so viele wie in den USA.

Als die «Bilanz» sich im Sommer 1989 aufmachte, den Reichen in der Schweiz auf die Spur zu kommen – der Autor dieser Zeilen war dabei –, erschien uns das Ziel, 100 Superreiche aufzuspüren, extrem ehrgeizig, zumal wir uns damals die Beschränkung auferlegten, es müssten wirklich reiche Schweizer sein. Immerhin: Die glorreichen 100 fanden wir; ihr kumuliertes Vermögen schätzten wir auf 66 Milliarden Franken, pro Kopf also 660 Millionen Franken. Mittlerweile listet die «Bilanz» 300 Reiche auf, die Nationalität spielt keine Rolle mehr. Das kumulierte Vermögen beläuft sich auf 512 Milliarden Franken, gut 1,7 Milliarden pro Kopf.

Das rasante Wachstum der Vermögen der «Bilanz»-Reichen hängt mit drei Faktoren zusammen. Erstens: Die Recherche-Methoden der «Reichen-Fahnder» sind präziser geworden, als es unsere in den ersten Jahren zuweilen heroischen Schätzungen je waren; deshalb nehmen etliche Betroffene das mittlerweile so ernst, dass sie den Rechercheuren sogar Auskunft geben, notfalls auch über das Vermögen ihrer Konkurrenten – nach dem Motto: «Ich schon, aber der auch!» Zudem fördert die höhere Präzision oft sehr verborgene Schätze ans Licht, und das treibt den Durchschnitt nach oben.

Zweitens: Die «Bilanz» hat sehr bald auch reiche Ausländer in der Schweiz in die Betrachtung einbezogen. Das sind meist aussergewöhnlich reiche Menschen, was dem Durchschnittsvermögen einen kräftigen Schub nach oben verleiht. In der neusten Ausgabe der Reichen-Liste bilden die Ausländer unter den Top 10 die absolute Mehrheit. Allen voran Ikea-Gründer Ingvar Kamprad, der am schönen Genfersee seinen Lebensabend und seine 38 Milliarden Franken geniesst. Im Gegensatz zu seinen längst eingebürgerten Söhnen ist er der Alte Schwede geblieben. Ob das wohl mit der Möglichkeit der Pauschalbesteuerung im Kanton Waadt zu tun hat?

Drittens: Die Reichen sind in den gut zwei Jahrzehnten ganz einfach reicher geworden. Von den 17 Milliardären, welche die «Bilanz» 1989 aufführte, sind 2012 die meisten noch dabei – sie fühlen sich heute unter den 120 Milliardären auch nicht mehr so einsam wie damals. Paul Sacher nahm 1989 als Sprecher der Hoffmann-La-Roche-Mehrheitsfamilie mit 7 bis 8 Milliarden Franken den Spitzenplatz ein; seine Erben belegen 2012 mit 16 bis 17 Milliarden Rang 3. Warum die «Bilanz» hartnäckig die eingeheiratete Wiesentalerin Gigi Oeri als Gesicht des Roche-Vermögens präsentiert, bleibt ihr Geheimnis. Vielleicht deshalb, weil auch Paul Sacher nur durch seine Heirat mit Maja, verwitwete Hoffmann, zu dieser Ehre gekommen war. Die Familie Bertarelli wiederum, 1989 mit 1 bis 1,5 Milliarden Franken knapp in den Top 10, ist seither mit 10 bis 11 Milliarden locker auf Rang 6 gesegelt.

Erstaunlich an der Reichsten-Liste der «Bilanz» ist ihre Stabilität. Zwar gibt es spektakuläre Abgänge – wie etwa Werner K. Rey oder die Familie Erb. Es gibt aber auch etliche spektakuläre Zugänge: So leistet etwa die Rohstoffhandels-Firma Glencore nach ihrem Börsengang mit sechs Personen einen namhaften Beitrag zur Liste – vier Milliardäre (Ivan Glasenberg, Daniel Maté, Aristoteles Mistakidis und Willy Strothotte) und zwei gewöhnliche Millionäre (Gary Fegel und Christian Wolfensberger, besser bekannt als Ehegatte der Ex-Miss-Schweiz Fiona Hefti).

Der Kern der «Bilanz»-Liste besteht aber über die Jahre aus vielen immer gleichen Namen. Deren Vermögen wachsen über längere Sicht kontinuierlich – trotz Einbrüchen wie der Dotcom-Blase oder der Finanzkrise. Solche singulären Ereignisse sitzen die wirklich Reichen ganz einfach aus. Sie haben die notwendigen Polster dazu.

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