Im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskrise hat sich die Investitionstätigkeit in vielen Volkswirtschaften stark zurückgebildet und seither nie richtig erholt. Aus diesem Grund wird in vielen Ländern debattiert, ob der Preis der historischen Krise noch höher ausfallen und auch künftige Generationen belasten wird. Hinter dieser Sorge steckt die Erkenntnis, dass die Investitionstätigkeit von Unternehmen und vom Staat für die langfristige Entwicklung einer Volkswirtschaft von zentraler Bedeutung ist. Ein Wirtschaftsstandort mit chronisch schwachen Investitionen verspielt künftiges Wachstumspotenzial. Die Frage ist deshalb naheliegend: Wie hat es die Schweiz mit den Investitionen?

Einen ersten Anhaltspunkt liefert die Bruttoinvestitionsquote, die das Verhältnis der realen Bruttoanlageinvestitionen (die Summe von Bau- und Anlageinvestitionen) zur Wirtschaftsleistung misst. Je höher die Quote ist, desto mehr wird bei gegebenem BIP-Wachstum zusätzlich investiert. Im langfristigen Durchschnitt der Jahre 1995–2015 weist die Schweiz eine Quote von 23,6% auf. In der OECD beträgt sie 21,3%, in Deutschland 20,2% und in den USA 20,6%. So weit, so gut. Wachsen die Investitionen nun aber weniger stark als das BIP, sinkt die Investitionsquote über die Zeit. Ein Indiz für eine anhaltende Investitionsschwäche kann deshalb sein, wenn die Quote deutlich unter ihrem langjährigen Durchschnitt zu liegen kommt.

Ein solcher Rückgang der Investitionsquote war vor allem in den USA ausgeprägt. Die Investitionsquote der Schweiz zeigt dagegen einen relativ stabilen Verlauf: Seit 2012 liegt sie wieder über dem langjährigen Durchschnitt, zuletzt 2015 bei knapp 24%. Aus dem Blickwinkel der realen Bruttoinvestitionen kann also für die Schweiz nicht von einer chronischen Investitionsschwäche gesprochen werden.

Hingegen sind bei der Analyse der Nettoinvestitionen (abzüglich der Abschreibungen) eher Schwächetendenzen auszumachen. Die Quote liegt mit knapp 2,9% des BIP unter dem Wert von 4,1% in den USA, aber über den 0,5% im Euroraum. Die langfristig rückläufige Nettoinvestitionsquote könnte mit der demografischen Entwicklung sowie mit dem Strukturwandel von der Industrie zu weniger kapitalintensiven Dienstleistungssektoren begründet sein. Dies wäre vor allem dann ein Problem, wenn diese Tendenz mit dem anhaltenden Ausbau von staatsnahen Dienstleistungszweigen (etwa Gesundheit, Pflege, Verwaltung) in Verbindung stünde.

Die Diskussion über eine vermeintliche Investitionsschwäche hat auch mit dem süssen Gift des historischen Tiefzinsumfeldes zu tun. Dies zeigt sich etwa bei der finanzpolitischen Debatte über ein geringeres Wachstum der Bildungsausgaben oder bei Klagen über Engpässe im Verkehrs- oder Energieinfrastrukturbereich. Der Staat – so wird oftmals argumentiert – verpasse angesichts der günstigen Verschuldungskonditionen «Zukunftschancen», weil er nicht (noch) mehr investiert. Diese Gedankenführung ist aber irreführend.

Staatlich finanzierte Mehrinvestitionen sind aus volkswirtschaftlicher Sicht nicht a priori ein Segen – im Gegenteil. Ein Land kann auch «zu viel» und am falschen Ort investieren. Gerade für die öffentliche Hand ist es im Rahmen von politischem Ringen schwierig, die sinnvollsten Investitionen zu bestimmen. Diese Aufgabe nehmen gewinnorientierte Unternehmen in der Regel besser wahr. Zudem ist der Staat in der Schweiz bei den typischen Bereichen staatlicher Investitionen (Infrastruktur, Bildung, Grundlagenforschung) bereits stark engagiert. Ein darüber hinausgehendes Marktversagen ist zurzeit nicht erkennbar – auch im jetzigen, verlockenden Zinsumfeld nicht.

Es gibt eine Alternative zu den Aufrufen nach verstärkter staatlicher Investitionstätigkeit. Das vom Bundesrat im Juni verabschiedete Massnahmenpaket zur Verbesserung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen wird auch das Investitionsklima positiv beeinflussen. Im Mittelpunkt der Massnahmen zur Belebung des Trendwachstums steht die weitergehende Öffnung der Wirtschaft durch die Erleichterung von Importen, den Abbau von Handelsschranken und die Erweiterung des Marktzugangs. Dabei kommt dem Erhalt und der Weiterentwicklung der bilateralen Beziehungen mit der EU zentrale Bedeutung zu. Darüber hinaus strebt der Bundesrat die Stärkung der produktivitätssteigernden Investitionstätigkeit durch Intensivierung des Wettbewerbs, bessere Regulierung und die administrative Entlastung der Wirtschaft an.

*Eric Scheidegger ist Chefökonom des Bundes und stv. Direktor des Staatssekretariats für Wirtschaft (seco).

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper