Die «10 vor 10»-Moderatorin Daniela Lager wurde am Donnerstagabend euphorisch: «Die Schweizer Wirtschaft schaltet nochmals einen Gang höher», sagte sie. «Es geht weiter aufwärts – und wie!»

Das SRF-Nachrichtenmagazin berichtete im ersten Beitrag über die Konjunkturprognose des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco). Dieses korrigierte das Wachstum des Bruttoinlandprodukts (BIP) nach oben: Statt um 1,4 Prozent soll es dieses Jahr um stolze 1,8 Prozent zunehmen. «Die Schweiz überragt mit diesem Wachstum andere Volks wirtschaften bei weitem», hiess es in «10 vor 10». Eine Stimme aus dem Off kommentierte: «Ein wichtiger Treiber ist die Zuwanderung.» Die Einwanderer «konsumieren alle». Dann kam Eric Scheidegger zu Wort, der Leiter Wirtschaftspolitik im Seco: «Wir sind der Fels in der Brandung, weil es eine starke wirtschaftliche Entwicklung im Inland gibt, (...) unterstützt durch die Zuwanderung.»

Es ist auffällig, wie oft den Bürgern die gute wirtschaftliche Situation der Schweiz mit der Zuwanderung erklärt wird. Das Seco schreibt im Communiqué von dieser Woche, die robuste Inlandkonjunktur werde «durch die stetige Zuwanderung» getragen.

Das wird kaum hinterfragt. Selbst die «Weltwoche» schrieb, es gäbe in der Schweiz noch «viel Platz». Sie kritisierte: «Die SVP dringt auf Kontingente (...). Die Grünen wollen den Wirtschaftsstandort politisch beschädigen, um die Schweiz für Ausländer weniger anziehend zu machen.» Das sei eine «Nordkorea-Strategie».

Natürlich stimmt es, dass die Zuwanderer aus der EU konsumieren und das BIP-Wachstum befördern. Doch kaum je wird gesagt, was der einzelne Mensch davon hat: Pro Kopf bleibt nämlich nur wenig mehr übrig. Als Mass für den Wohlstand in einem Land – das lernt ein Ökonomiestudent im ersten Semester – gilt nicht das gesamte BIP eines Landes (Definition siehe oben). Massgebend ist das BIP pro Kopf. Und hier zeigt sich ein interessantes Bild, wenn man mit Deutschland vergleicht, das angeblich von der Schweiz beim Wachstum abgehängt wird. Wir betrachten den Zeitraum seit Einführung der Personenfreizügigkeit, von 2002 bis 2012:

· In dieser Periode nahm das BIP in der Schweiz real (nach Abzug der Teuerung) tatsächlich viel stärker zu als in Deutschland, nämlich um 19,2 Prozent, verglichen mit 10,0 Prozent in unserem Nachbarland.

· In derselben Zeit wuchs die Bevölkerung in der Schweiz aber – grösstenteils wegen der Zuwanderung – um 11,1 Prozent, während sie in Deutschland um 0,5 Prozent schrumpfte.

· Folglich stieg das BIP pro Kopf von 2002 bis 2012 in der Schweiz um 7,29 Prozent (119,2% : 111,1%), in Deutschland aber um 10,55 Prozent (110%: 99,5%). Die gesamte Wirtschaftsleistung nahm zwar in der Schweiz stärker zu als in Deutschland; weil der neu erarbeitete Wohlstand auf mehr Köpfe verteilt wird, bleibt in Deutschland vom magereren Wachstum am Ende aber pro Einwohner mehr übrig.

Es sind nur einige SVP-Politiker, die beiden SP-Nationalrätinnen Jacqueline Badran und Susanne Leutenegger Oberholzer, der Freiburger Wirtschaftsprofessor Reiner Eichenberger sowie Exponenten aus dem Umfeld der grün-nationalen Ecopop Initiative, die auf eine Pro-Kopf-Betrachtung hinweisen, die eben nicht gerade berauschend daherkommt. In den regelmässig erscheinenden Communiqués des Bundes zur Konjunktur ist jeweils bloss vom Gesamt-BIP die Rede; FDP- und CVP-Politiker und der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse unter lassen es konsequent, diese Rechnung anzustellen.

Daran wird sich wohl auch nichts ändern, denn man befürchtet, den einwanderungskritischen Volksinitiativen von SVP und Ecopop Auftrieb zu geben. Diese Woche verwarf der Ständerat die SVP Initiative «Gegen die Masseneinwanderung», welche die Zahl der Aufenthaltsbewilligungen für Ausländer durch jährliche Höchstzahlen und Kontingente begrenzen will. Angst haben bürger liche Parteien und die Wirtschaftsverbände auch vor einem Nein des Volkes zur Erweiterung der Personenfreizügigkeit mit Kroatien. Sie sehen bei einem «falschen» Abstimmungsergebnis bei einer der drei Vorlagen die ganzen bi lateralen Verträge der Schweiz mit der EU in Gefahr.

Übrigens, in derselben «10 vor 10»-Sendung wurde berichtet, dass Avenir Suisse höhere Preise für Autofahrer und öV-Benutzer fordert, weil Strassen und Züge «voll, noch voller, total voll» seien. Dass dies auch mit der Zuwanderung zu tun haben könnte, davon war keine Rede.