Man möge sich jetzt nicht empören, zwischen einer Hexen-Karikatur und der Vollstreckung einer Hexenverbrennung lägen Welten und es sei unverfroren zu behaupten, man wünsche der Finanzministerin den Tod. Wer das behauptet, sollte sich die unzähligen E-Mails, Briefe und Verbalattacken zeigen lassen beziehungsweise anhören, mit denen Eveline Widmer-Schlumpf seit ihrer Wahl in den Bundesrat im Jahre 2007 zu leben hat.

Bis heute weiss nur das Papier, auf dem Widmer-Schlumpf die Ereignisse vor und nach der Wahl niedergeschrieben hat, was wirklich geschehen ist. Die Politikerin muss sich deshalb nicht wundern, dass sie für viele Bürgerinnen und Bürger, Politikerinnen und Politiker sowie Wirtschaftsführer zum Feindbild Nummer 1 geworden ist. Doch Eveline Widmer-Schlumpf bleibt völlig «cool». Sie tritt fast schon im Tagesrhythmus an die Öffentlichkeit, um Empörung hervorrufende Bundesratsbeschlüsse, die in ihrem Finanzdepartement ausgebrütet worden sind, zu verkünden. Sie tut dies – zumindest wirkt es so – völlig emotionslos und unbeirrt. Was ihre Gegnerinnen und Gegner erst recht in Rage bringt. Gegen aussen scheinbar unberührt aufzutreten, ist das eine. Die beispiellosen Anfeindungen auszuhalten, das andere. Wie schafft sie das, fragt sich Freund und Feind. Erklären könnten das wohl nur ihre Familie und ihr engster Freundeskreis.

Eveline Widmer-Schlumpf ist ein ausgeprägter Familienmensch. Der Kitt ist durch Schicksalsschläge in der eigenen Familie noch härter geworden. Ihre Schwester Carmen verunfallte schwer, als Eveline Widmer-Schlumpf hochschwanger war. Fünf Tage nach der Geburt ihrer ersten Tochter starb Carmen an den Folgen des Verkehrsunfalls. Die zweite Tochter erlitt vier Tage nach der Geburt einen Aorta-Verschluss. Ihr Leben hing während Monaten an einem seidenen Faden.

Es gibt verschiedene Arten, mit solchen Schicksalsschlägen umzugehen. Eveline Widmer-Schlumpf umschreibt ihren Umgang so: «Ich habe in meinem bisherigen Leben gelernt, die Dinge so zu akzeptieren, wie sie sind.» Durch persönliche Attacken lässt sie sich nicht aus dem Konzept bringen. Lebensbedrohend oder existenzgefährdend sind diese ja nicht.

Dieser Pragmatismus – ihre Gegner legen diesen gerne und unermüdlich als Opportunismus aus – ist wohl der zweite Grund, der Eveline Widmer-Schlumpf Dauerattacken aushalten lässt. Die langjährige Finanzdirektorin des Kantons Graubünden und Präsidentin der Finanzdirektorenkonferenz will einen sauberen Finanzplatz und Steuergerechtigkeit, ohne dass die überzeugte Föderalistin damit den Steuerwettbewerb ausser Kraft setzen will.

Sie tut das unideologisch, pragmatisch eben. Scheint die Weissgeldstrategie erfolgversprechend, verfolgt sie diese. Mit Hartnäckigkeit. Dreht der politische Wind wegen bevorstehender Wahlen im Ausland, bedrängten Präsidenten in europäischen Nachbarländern oder weil bilaterale Lösungen aus verschiedensten Gründen nicht mehr zielführend sind, prüft die Schweizer Finanzministerin den automatischen Informationsaustausch. Mit der gleichen Hartnäckigkeit, wie sie die Weissgeldstrategie verfolgt hat, solange diese im Bereich des Möglichen lag. Ihre persönliche Überzeugung und vor allem auch das Detailwissen der hochkarätigen Fachexpertin sind ihre vorherrschende Motivation. Dabei können Mitarbeitende oder Parteiloyalitäten durchaus auf der Strecke bleiben.

«Wenn ich gar nichts unternehmen kann, um eine Situation zu verändern, stresst mich das enorm», gesteht Eveline Widmer-Schlumpf.
Der Umkehrschluss ist wahrscheinlich ebenso zutreffend: Solange die Finanzministerin eine Situation verändern kann, spornt sie das erst recht an. Es wäre müssig, sich neben dieser Sacharbeit mit persönlichen Anfeindungen auseinanderzusetzen.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!