Von «Staatskrise» war in der Schweiz die Rede nach dem Rücktritt von Nationalbankchef Philipp Hildebrand. Christoph Blocher machte eine «Staatskrise» aus – eine «Krise im Bundesrat und einer Krise im Bankrat».

Dem Alarmismus zugeneigt, überschätzen auch wir Journalisten oft die Bedeutung des Einzelnen. Gewiss, Christian Wulff trägt als Bundespräsident grosse Verantwortung. Sicher, Philipp Hildebrand hat als eines von drei Direktoriumsmitgliedern bedeutenden Einfluss auf Entscheide, die die Volkswirtschaft beeinflussen. Allerdings stellen wir nach Hildebrands Abgang auch fest, dass die Geldpolitik weitergeführt worden ist, als wäre nichts geschehen. Und dass der Franken-Euro-Kurs über der Marke von 1.20 geblieben ist.

Unser Staat und seine Institutionen sind so aufgebaut, dass die «Checks and Balances» spielen – ein Einzelner kann weniger bewirken, aber auch weniger Unheil anrichten als vielfach angenommen (in privatwirtschaftlichen Unternehmen ist das anders). So schnell kann keiner die vielzitierte «Reputation» des Staates oder seiner Organe kaputtmachen. Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» schrieb gestern: «Wenn ein Repräsentant des Staates zurücktritt, gezwungenermassen oder freiwillig, dann mag er unter Umständen als Person ‹beschädigt› sein, das Amt ist es nicht.»

Wer in einer Machtposition sitzt, realisiert oft selber, dass er so mächtig gar nicht ist. Bundesrätin Simonetta Sommaruga besuchte diese Woche die az-Redaktion und sagte: «Ich würde meine Macht gerne geniessen – wenn ich sie denn hätte.» Das ist mehr als bloss Koketterie. Christoph Blocher betont immer wieder, er könne, seit er nicht mehr Bundesrat ist, politisch mehr bewirken als vorher.

Es gehört zur Normalität in unserer Demokratie, dass ihre höchsten Vertreter Fehler machen. Manchmal müssen sie gehen. Wer dann gleich von Staatskrise spricht, der nimmt die Würdenträger zu wichtig.