Die Nachricht: Vor der Abstimmung über das neue Radio- und Fernsehgesetz ist eine kontroverse Debatte über die SRG und ihren Service-public-Auftrag entbrannt.

Der Kommentar: Ein paar persönliche Bemerkungen vorneweg. Der Schreibende ist nicht sonderlich interessiert am Programm des Schweizer Fernsehens. Aber als Politiker ist er darauf angewiesen, in politischen Sendungen vorzukommen. Da muss er froh sein, wenn er angefragt wird. Als Privatmensch aber hat er die Freiheit und Wahl, ob er sich das Programm ansehen will. Meistens will ich nicht. Im Folgenden möchte ich erklären, weshalb nicht. Wie sieht das Selbstverständnis des Schweizer Fernsehens aus? Die SRG beschreibt auf ihrer Website ihren Auftrag folgendermassen: «Die SRG stellt mit ihrem Service public die Versorgung der Schweizer Bevölkerung mit Radio- und Fernsehprogrammen sowie die Meinungsvielfalt sicher. (...) Und nicht zuletzt leistet die SRG einen Beitrag zum Zusammenhalt zwischen den verschiedenen Landesteilen, zum Austausch zwischen den Sprachregionen und zum gegenseitigen Verständnis der verschiedenen Kulturen.»

Was dem aufmerksamen Leser sogleich auffällt, ist die selbstbeschwörende Tonalität. So eine Art Pfeifen im Walde, um keine Angst aufkommen zu lassen. Angst wovor? Vor der Politik, den privaten Sendern, der Entwicklung der Technologie, den Verlagen oder davor, dass jemand diese hehren Verlautbarungen auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen möchte, wenn er denn schon zwangsverpflichtet all das bezahlt? Wer sich in seiner Existenz bedroht fühlt, neigt zur Überhöhung seiner selbst. Zunächst einmal gilt es zu klären, was denn das Schweizer Fernsehen unter dem «nationalen Zusammenhalt» versteht. Das ist schwierig herauszufinden. Denn man findet dazu keine klaren Statements. Der Service public wird zum allüberall selig machenden nationalen Zusammenhaltsleim, ohne dass dieser aber definiert wird und gezeigt wird, inwiefern das Schweizer Fernsehen unverzichtbare Voraussetzung dafür sei. Service public ist das, was jene, die Service public machen, als Service public definieren. Oder noch einfacher: Service public ist das, was die SRG programmatisch macht – egal, worum es sich im Detail handelt.

Das Schweizer Fernsehen hat – gemäss Selbstdarstellung – folgende inhaltlichen Aufträge: Information, Bildung, Kultur, Sport und Unterhaltung. Aber was haben diese Sparten mit dem nationalen Zusammenhalt zu tun? Wenn der Auftrag «Information» lautet, hat das Staatsmedium die Aufgabe, zu berichten, was geschieht. Die Journalisten der SRG sind weder Politiker, Lehrer, Künstler noch Sportler; sie berichten nur – oder sollten –, was Politiker, Lehrer, Künstler und Sportler tun und sagen. Das Medium ist nicht die Message, sondern tatsächlich nur Medium für die Message der Akteure in Politik, Bildung, Kunst und Sport. Und was das Tun dieser eigentlichen Akteure mit dem nationalen Zusammenhalt zu tun hat, bleibt offen bzw. unabhängig vom Beitrag des Schweizer Fernsehens zu beantworten. Wenn in der «Arena» die Parteipräsidenten verbal aufeinander eindreschen, wo ist da der nationale Zusammenhalt, abgesehen davon, dass sie gemeinsam streiten, was sie ohnehin auch ohne Fernsehen tun? Wenn Roger Federer und Stan Wawrinka den Davis-Cup holen, worin besteht der Beitrag der Kommentatoren des Schweizer Fernsehens (exzellente, übrigens) zum nationalen Zusammenhalt? Schaffen diesen die Tennisspieler oder das Schweizer Fernsehen? Das Gleiche gilt für Kunst und Bildung. Die Selbsteinschätzung des Schweizer Fernsehens, den nationalen Zusammenhalt zu sichern, ist darum, nüchtern betrachtet, reine Selbstverklärung. Das Medium wird mit der Botschaft verwechselt. Man glaubt, nur weil man Bedeutendes berichtet, sei man selbst bedeutend. Das Fernrohr richtet und schärft den Blick auf die Berge. Das Schöne daran ist aber nicht das Fernrohr, sondern es sind die Berge. Das Wichtige ist Politik, Bildung, Kultur, Sport, aber nicht der Kasten, der dieses überträgt.

Sie werden es bemerkt haben: Von den Aufgaben des Schweizer Fernsehens, die es sich selbst zuschreibt, habe ich bisher eine nicht erwähnt: die Unterhaltung. Diese Sparte ist in der Tat die einzige, die sich dadurch auszeichnet, dass das Fernsehen über Inhalte nicht nur berichtet, sondern sie auch selbst erschafft. Hier ist der einzige kreative Freiraum und deshalb auch der Ort, wo das Medium die Message ist. Konsequenterweise hat hier das Fernsehen auch den Freiraum, um den selbst behaupteten nationalen Zusammenhalt zu gestalten. Tut es das? Mindestens gibt man vor, es zu tun mit Formaten, in denen Moderatoren «Bi de Lüt» vorbeigehen, «Happy Days» bereiten, als «Gipfelstürmer» die «absolute Nr. 1 der Schweiz» bestimmen oder sich nach dem «best talent» umsehen. Gleichzeitig ist aber hier auch der Rechtfertigungsdruck am stärksten. Am 26. September 2014 führte die SRG eine Tagung durch mit dem Titel «That’s entertainment». Zyniker könnten hier schon einwenden, dass Englisch wohl nicht die adäquate Schweizer Kohäsionssprache sein sollte für einen Landessender mit hochzelebriertem Vier-Landessprache-Ethos.

Die Tagung hatte Mobilisierungscharakter. Man wollte den Beweis antreten, dass Unterhaltung nicht bloss Unterhaltung sei, sondern «immer auch in einen Prozess des Lernens und der nationalen Selbstverständigung eingebunden werden kann». Dabei ist klar: Der nationale Zusammenhalt wäre erst dann tangiert, wenn es Sendungen gäbe, die beispielsweise über die Sprachgrenzen hinaus wirken würden. Diese sind aber Mangelware. Jede Sprachregion hat ihr eigenes Schweizer Fernsehen und ihr eigenes Programm. «SRF bi de Lüt» ist eine Deutschschweizer Sendung, «Samschtigjass» sowieso (und deshalb auch unverfroren in Deutschschweizer Mundart betitelt). Welche Unterhaltungssendungen in der Romandie oder im Tessin ausgestrahlt werden, weiss der normale Deutschschweizer Konsument wohl genauso wenig wie vice versa outre Sarine/oltre Gottardo. Mehrsprachige Sendungen wären konsequent, aber die will sich niemand antun.

Das Gerede vom nationalen Zusammenhalt, den das Schweizer Fernsehen alternativlos zu erfüllen habe, dient nur dazu, die Zwangsabgaben in ausreichender Höhe für den eigenen Betrieb zu sichern. Intern ist man längst auf dem Weg, die Unterhaltung zu internationalisieren. Damit macht sich das Schweizer Fernsehen definitiv verzichtbar. Es schafft sich selbst ab, indem es – wohl aus ideologischen Gründen – selbst seine einzige Daseinsberechtigung infrage stellt. Wer Unterhaltung will, hat genügend internationale Alternativen; wer Schweizer Unterhaltung will, kriegt die künftig auch vom Schweizer Fernsehen nicht mehr geliefert. Und wer nationale Kohäsion wünscht, tut gut daran, andere Schweizer Medien zu konsultieren.

* Gerhard Pfister ist Nationalrat (CVP/ZG). Dieser Beitrag stammt aus dem soeben veröffentlichten Buch «Weniger Staat – mehr Fernsehen», herausgegeben von René Scheu, Verlag Neue Zürcher Zeitung.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper