Der Kommentar: Wer «soziale Unruhe» bei einer Suchmaschine eingibt, erwartet Meldungen aus Südeuropa, Nordafrika oder Lateinamerika. Doch derzeit finden sich auch Meldungen aus der Schweiz, die auf unruhige Zeiten hinweisen. Klar sichtbar waren die Mobilisierungen der Bauarbeiter im Zusammenhang mit der Erneuerung ihres Landesmantelvertrags: Bereits am 24. September demonstrierten 12 000 Bauleute auf dem Bundesplatz für mehr Schutz und Lohn. Am 25. November und 2. Dezember blieben schweizweit über 9000 Bauarbeiter ihrer Arbeit fern.

Kann man diese Auseinandersetzung noch als periodisches Kräftemessen vor dem Abschluss eines neuen Bauvertrags sehen, sind die Mobilisierungen in der Chemie doch aussergewöhnlich. Bereits nach dem Sommer nahmen die Beschäftigten der Chemiefirmen Harlan und Huntsman in Basel den angekündigten Stellenabbau nicht einfach hin – sie reagierten mit Protestpausen und Aktionen im Betrieb.

Die mit Gewinnmeldungen und Dividenden-Versprechen verbundene Ankündigung von Novartis, in der Schweiz über 1000 Arbeitsplätze abzubauen, provozierte ebenfalls eine ausserordentliche Reaktion: Innert Tagen kam es in Basel zu einer Demonstration mit gegen 1000 Teilnehmenden. Und am 16. November streikten die Beschäftigten in Nyon gegen die Schliessung ihres Standorts. Einen solchen Streik in einem Flaggschiff der Schweizer Chemie hat es seit Jahrzehnten nie mehr gegeben. Er bewegte in der Folge den Konzernchef Joe Jimenez zu einer eilig angesetzten Visite nach Nyon und brachte Novartis zum Versprechen, Alternativen zur Schliessung ernsthaft zu prüfen.

Aussergewöhnlich sind aber auch Widerstandsaktionen in Firmen der Maschinen- und Druckindustrie: bei Trasfor im Tessin, bei Tesa in der Waadt, bei Swissprinters in St. Gallen und auch anderswo wehren sich die Beschäftigten gegen Entlassungen und schlechtere Arbeitsbedingungen. Selbst im privaten Dienstleistungssektor, der ganz und gar nicht zu den gewerkschaftlichen Hochburgen zählt, nimmt die soziale Unrast zu. Bereits im Frühling kam es in Basel zu einem ersten Streik bei Cindy, einem Unternehmen der Mövenpick-Gruppe. Es folgten Protestaktionen bei der Boutiquen-Kette Zebra oder bei den Süsswarenshops Lolipop. Letzte Woche traten schliesslich die Angestellten in der Verteilzentrale Valrôhne in Bussigny VD in einen Warnstreik. Die 220 Beschäftigten verlangten einen garantierten 13. Monatslohn und eine Absicherung durch einen Gesamtarbeitsvertrag.

Auf welchem Hintergrund ist diese zunehmende soziale Unrast zu sehen? Wichtigster gemeinsamer Nenner vieler Aktionen ist: Die Arbeitenden wehren sich dagegen, dass sie für die sich anbahnende Krise zur Kasse gebeten werden. Die Kritik der Beschäftigten: Viele der betroffenen Firmen schreiben nicht etwa Verluste, sondern nur weniger Gewinne. Jetzt wollen sie die Profite mit Massenentlassungen und Arbeitszeiterhöhungen auf Kosten der Arbeitnehmenden wieder erhöhen.

«Wir sind nicht bereit, die Zeche zu zahlen, während oben abgesahnt wird.» Mit dieser Haltung sind die Widerstandsbewegungen durchaus verwandt mit den Aktionen von Occupy Wall Street gegen die grundlegenden Ungleichheiten in unserer Gesellschaft. Gleichzeitig sind die betrieblichen Aktionen aber sehr konkret. Die engagierten Beschäftigten sagen sich: «Wehren wir uns, solange wir uns noch wehren können.»

Nicht durch die Krise geprägt ist die Bewegung im Bau: In dieser boomenden Branche verlangen die Arbeiter einerseits eine Anpassung der stagnierenden Löhne, aber auch verstärkten Schutz in der immer stressigeren Arbeit.

So oder so: Greifen Lohnabhängige in der Schweiz zu sonst seltenen Formen des Widerstands, ist das ein Zeichen sozialer Verhärtung. Sollte sich die Tendenz von Unternehmen fortsetzen, einseitig die Probleme auf dem Buckel der Lohnabhängigen austragen zu wollen, wird die soziale Unruhe noch zunehmen. Die betroffenen Beschäftigten werden Lohnsenkungen, Gratis-Arbeitszeitverlängerungen und Massenentlassungen nicht einfach hinnehmen. Der Winter könnte durch gesellschaftliche Unruhe geprägt sein – die Fieberkurve der sozialen Temperatur steigt.