Der Kommentar: Multikulti! Verzeihen Sie bitte, wenn ich Sie so überrumple und mit diesem Schimpfwort einsteige, aber es passt gerade so gut. Weshalb Schimpfwort? Nun, einige Menschen in der Schweiz scheinen mit der Abkürzung für Multikulturalität etwas Schlechtes, Schädigendes sogar Degenerierendes zu assoziieren.

Mir war das bis letzte Woche auch nicht bewusst, als der «Tages-Anzeiger» mehrere Grafiken veröffentlichte, die ebendiesen verwerflichen Multikulti-Zustand in den verschiedenen Nationalmannschaften, die an der Fussballweltmeisterschaft in Brasilien teilnehmen, darstellen. Auf das Ergebnis, dass die Schweizer Nati die meisten Spieler mit Migrationshintergrund hat, kommentierten einige Leser diese Tatsache mit grossem Unmut. Von einem «multikulturellen Tross» ohne Seele, vom Verlust von Schweizer Tugenden und von «Multikulti-Schönmalerei» war zu lesen. Anderen «fehlen einfach die Schweizer auf dem Platz», die auch die Hymne mitsingen würden. Was wohl in dem wegen Regelverletzung gelöschten Kommentar gestanden ist? Bestimmt irgendetwas Unanständiges, wie Multikulturalität.

In der Schweiz versucht man vernünftigerweise, Politik aus dem Fussball herauszuhalten. Am deutlichsten zeigt sich das in der Wortwahl der Presse und der Fussballkommentatoren. Während man zum Beispiel auf dem Balkan von «unserer Repräsentation» spricht, also von der Stellvertretung einer ganzen Nation, soll das Fussballteam der Schweiz unbedingt als eine vom Staat weitgehend unabhängige Auswahl wahrgenommen werden.

Früher, in der Schule, kam mir von meinen Schweizer Kollegen immer Unverständnis entgegen, wenn ich mich brüstete, dass «wir» im Fussball gewonnen hätten. «Wieso WIR?», fragten sie dann belustigt, «du hast ja gar nicht selber mitgespielt.» Und tatsächlich ist es heute noch so, dass eben «die Schweizer» ein Tor geschossen haben oder die «Schweizer Mannschaft» einen grossartigen Sieg über Ecuador davongetragen hat und nicht einfach «die Unsrigen». So vernünftig mir diese Distanzierung auch erscheint, finde ich es schade, dass somit eine weitergehende Identifizierung mit der Nati ausbleibt.

Denn wenn ich mir diesen bunten Haufen anschaue, wie sie, eng aneinander gedrängt, hämisch grinsend Selfies schiessen, sich gegenseitig beim Blödsinnmachen filmen und mir dann noch vorstelle, wie sie sich in der Umkleidegarderobe in den verschiedensten (Landes-)Sprachen Witze erzählen, foppen, motivieren und loben, dann erkenne ich meinen Freundeskreis deutlich in ihnen wieder.

Diese Jungs im roten Dress repräsentieren mich und meine Schweiz, und ich möchte mich nicht nur zu ihnen bekennen, sondern auch ein Teil davon sein. WIR siegen, und WIR verlieren, nicht nur die Schweizer Nati.

Somit wären wir unweigerlich wieder beim leidigen Thema der Integration – auch so ein Unwort. Allerdings nicht bei derjenigen der Nati-Fussballer, die bereits wieder einmal als vorbildlich und geglückt hochstilisiert wird. Diese Auslegung von Integration entpuppt sich leider viel zu oft als heuchlerische Doppelmoral. Denn würde Seferovic nicht im Schweizer Trikot nach seinem Siegestreffer ein Interview geben, sondern als unbedeutender Passant für Tele Züri Fragen beantworten, würden viele Zuschauer aufgrund seines leichten Soziolekts ihre Vorurteile über Menschen aus dem Balkan als bestätigt betrachten und bestimmt nicht von einem erfolgreichen Integrationsmodell schwärmen.

Nein, gemeint ist die Eingliederung der Stimmen, die eben nicht ihre Schweiz in diesem Fussballteam wiedererkennen. Leute, die eine «Eidgenossenquote» eingeführt haben möchten, damit sie wie anno 1994 der Nati zujubeln können, als sie Captain Ciriaco Sforza, italienischstämmig, ins Achtelfinal führte. Diese Gruppe von «Wir»-Verweigerern gilt es endlich in die Willensnation Schweiz zu integrieren, weil sie offensichtlich in einer Parallelgesellschaft lebt, irgendwo zwischen 1291 und 1848, als die Schweiz noch die homogene Einheit von vier Sprachen, zwei Konfessionen und vielen souveränen Kantonen war – weit entfernt von Multikulti.

Wenn heute ein Gökhan Inler ohne Bedenken mit einem Kreuz auf der Brust einen Psalm mitsingen kann, dann sollte doch auch ein Nachfahre Winkelrieds stolz sagen können: «Drüben in Brasilien spielt unsere Repräsentation, die Repräsentation der Schweiz.»

Unsere Nati hat ihm bereits eine Gasse gebahnt.

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