Die Nachricht: Jürgen Dunsch, der Schweiz-Korrespondent der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung», geht in Pension. Er berichtete acht Jahre lang über die politischen Veränderungen im Gastland. Eine Bilanz.

Der Kommentar: Wäre Angela Merkel ein Bundesrat nach dem Geschmack der Schweizer? Nach acht Jahren als Korrespondent in diesem Land erscheint mir die Frage weniger weit hergeholt, als sie zunächst klingt. Wie die meisten Eidgenossen kennzeichnet die deutsche Bundeskanzlerin eine gewisse Unaufgeregtheit und persönliche Bescheidenheit. Im Politikbetrieb wartet sie gerne ab, wie sich die Meinungen entwickeln, und sucht danach den grösstmöglichen Konsens. Nicht zuletzt zeigt sie einen Hang zum fürsorglichen Sozialstaat zulasten der Eigenverantwortung, der neben der Westschweiz zumindest in den Agglomerationen der Deutschschweiz offenbar um sich greift. Merkel: Auch ein kleines Stück Schweiz.

Dennoch müsste ich der Bundeskanzlerin zurufen: Und doch ist alles ganz anders. Bern ist nicht Klein-Berlin, die Schweiz kein Bayern plus. Ihre diskrete Machtausübung könnte Merkel im Kollektivorgan Bundesrat in Bern kaum so entfalten. Der zähe politische Prozess – als jüngstes Beispiel die gescheiterte Kartellrechtsnovelle – würde wohl selbst sie nerven. Für die direkte Demokratie wird sie wahrscheinlich kein Herzblut vergiessen. Zugleich ist der mögliche Ausgang von Volksabstimmungen nicht zwangsläufig deckungsgleich mit der Stimmung in Deutschland. Die Entscheide gegen sechs Wochen gesetzlicher Urlaubsanspruch, gegen die 1:12-Lohninitiative, einen Mindestlohn und zuletzt gegen die Einheitskrankenkasse wären dort nicht unbedingt gleichermassen gefallen. Unter den heutigen Umständen befördert nach meinem Geschmack das niedrige Unterschriftenquorum für Volksinitiativen Partikularinteressen über Gebühr. Aber inhaltlich verfolgen die Eidgenossen eine richtige Linie.

Insgesamt erlebe ich die Schweizer als höflich und unkompliziert. Das Kumpelhafte, das in Deutschland gerne gepflegt wird, liegt ihnen weniger. Die verschiedenen Kulturkreise der viersprachigen Nation innerhalb kurzer Distanzen finde ich nach wie vor inspirierend. Meine ersten Berichte Anfang 2007 betrafen den Swissair-Prozess. Das klang nach Aufarbeitung eines Fehltritts in der Vergangenheit in einem Land auf grundsolidem Fundament. Ich sollte mich täuschen. Die Jahre danach veränderten die Schweiz in nicht geahnter Weise. Die Etappen sind bekannt: Die Weltwirtschaftskrise brach auch über dieses Land herein. Im Herbst 2008 war die UBS am Ende und musste vom Staat aufgefangen werden. Im darauffolgenden Frühjahr begann unter internationalem Druck der Abschied vom Bankkundengeheimnis, bei dem sich ein Herr Steinbrück mit seiner «Kavallerie» unrühmlich hervortat. 2011 folgten einerseits der Auftrieb für den Franken, der ihn bis zum Gleichstand mit dem Euro und die Exportwirtschaft sowie den Tourismus zur Verzweiflung trieb, und andererseits der Ausstieg aus der Atomenergie.

Die Rückzugsgefechte beim Bankkundengeheimnis führten den Druck sichtbar vor Augen, dem die Schweiz als wohlhabendes Land immer wieder ausgesetzt ist. Sie reagiert oft zu empfindlich: Schnell gereizt gegen Kritik, dankbar für alle möglichen Streicheleinheiten. Zugleich steigt der Hang zur Einigelung, gipfelnd in der Abstimmung gegen die «Masseneinwanderung» am 9. Februar. Das Bemühen um nationalen Zusammenhalt steigt eigenartigerweise nicht in gleichem Masse. Als jemand, der den Erfolg der deutschen Wiedervereinigung nicht zuletzt der sprachlichen Klammer zuschreibt, stimmt mich die Debatte um das Frühfranzösisch in den Schulen traurig.

Das Votum vom 9. Februar ist nachvollziehbar. An manchen Orten gewinnt man den Eindruck, als sei Schwiizertüütsch die erste Fremdsprache. Zugleich belegt das knappe Resultat die Reife der Demokratie in diesem Land: In vielen Staaten würde es angezweifelt, und es wäre von Stimmbetrug die Rede. Aber die Schweiz kann ihre Probleme mit Ausländern nicht einfach an der Urne versenken, weder gegenüber der EU noch gegenüber den anschwellenden Flüchtlingsströmen aus dem Süden. Die Schweiz ist erfreulich eigenständig und erfolgreich. Für einen Kleinstaat ist das eine seltene Kombination. Aber sie hat zum Beispiel den historischen Durchstich für den Gotthard-Basistunnel, dem ich beiwohnen durfte, viel zu wenig als Beitrag zum Zusammenwachsen Europas vermarktet. Der Kontinent wartet nicht auf die Schweiz. Sie muss sich selber ins Zeug legen.

* Jürgen Dunsch, Schweiz- Korrespondent der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung». Er tritt Ende Oktober in den Ruhestand.

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