Der Kommentar: Die Zukunft von Alstom steht zur Debatte. Im aktuellen Übernahmepoker setzt sich der französische Staat aktiv für den Erhalt von Arbeitsplätzen und Standorten in Frankreich ein. Für die Schweiz stellt sich die Frage: Nehmen wir däumchendrehend auf den Zuschauerrängen Platz, oder setzen wir unsere eigenen Trümpfe ein?

Die Schweiz sei kein Industrieland mehr, ist eine weitverbreitete Meinung. Richtig ist: Die Industrie in der Schweiz ist nach wie vor ein gewichtiger Arbeitgeber mit innovativen Produkten, gut qualifizierten Arbeitnehmenden und einer hohen Produktivität. Rund 700 000 Arbeiterinnen und Arbeiter aus dem Industriebereich erarbeiteten im vergangenen Jahr knapp 120 Milliarden Franken für den Schweizer Wohlstand. Die Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM), zu der auch Alstom gehört, nimmt dabei innerhalb der Industrie eine Schlüsselstellung ein: Mit rund 330 000 Beschäftigten ist die MEM-Industrie laut Arbeitgeberverband Swissmem die grösste industrielle Arbeitgeberin und bestreitet mit Exporten von 65 Milliarden Franken im vergangenen Jahr 32,5 Prozent der Güterausfuhren aus der Schweiz.

Das ist absolut relevant für unsere Volkswirtschaft. Die produzierende Industrie wird zu Unrecht unterschätzt. Dazu beigetragen hat das Gerede vom angeblichen Dienstleistungsparadies und dem Untergang des Produktionsstandortes Schweiz. «De-Industrialisierung» ist eines dieser Unworte.

Es gibt Ökonomen und Politiker, die entschuldigen ihr Nichtstun für den Industriestandort Schweiz mit der Behauptung, dieser «Strukturwandel» sei «ökonomisch zwangsläufig». Und sie begründen diese «Zwangsläufigkeit» mit dem hohen Lebensstandard und dem hohen Lohnniveau. Beides ist absurd. Den Gegenbeweis haben zahlreiche äusserst erfolgreich kleinere, mittlere und grössere schweizerische Industrieunternehmen längst geliefert. Sie stehen dabei in der globalisierten Wirtschaft in harter Konkurrenz zu Standortregionen, die eine aktive Industriepolitik kennen. Eine solche betreiben nicht nur unsere Nachbarstaaten Frankreich und Deutschland, sie gehört heute zum Standard vieler Industrienationen.

Die Schweiz hat eine Landwirtschaftspolitik, eine Finanzplatzpolitik, eine Bildungspolitik und eine Tourismuspolitik. Eine aktive Industriepolitik für den Denk- und Werkplatz Schweiz war bisher nicht erkennbar. Passiv zuzuschauen, wie Tausende von Arbeitsplätzen in der Schweizer Industrie liquidiert werden, ist keine Politik. Denn die Erfahrung zeigt: Würden beispielsweise bei Alstom aufgrund der aktuellen Situation Arbeitsplätze ins Ausland verlagert, bestünde kaum eine Chance, diese Arbeitsplätze je wieder in die Schweiz zurückzuholen. Auslagerungen sind in der Regel irreversibel. Umgekehrt gilt: Die Chance, Arbeitsplätze durch aktive Industriepolitik zu erhalten, gibt es auch nur ein Mal.

Darum sind in solchen Fällen die zuständigen Behörden in die Pflicht zu nehmen. Und es braucht eine gelebte Sozialpartnerschaft auf Augenhöhe. Nicht nur bei Sonnenschein, sondern gerade auch in stürmischen Zeiten.

Es geht nicht um Ideologie. Es geht nicht um «freie Marktwirtschaft» gegen «Staatsinterventionismus». Eine gute Industriepolitik zu machen, heisst: Aufbau, Erhalt und Verknüpfung guter Rahmenbedingungen wie Aus- und Weiterbildung, Verkehrsinfrastruktur, Raumplanung und Risikoexportgarantie. Eine aktive Industriepolitik zu machen, heisst, in Krisen nicht weg zu schauen, sondern lösungsorientiert anzupacken: Vernetzung, Diplomatie und Unterstützung. Erfolgreiche staatliche Unterstützungsmassnahmen in Krisensituationen kennen wir aus dem In- und Ausland. So zum Beispiel, als die Schweizerische Nationalbank zur Stützung der Exportwirtschaft die Untergrenze für den Schweizer Franken einführte oder als Deutschland in der Krise ihre Autoindustrie mit der Verschrottungsprämie stützte.

Die Schweiz hat Trümpfe, die stechen: eine Top-Verkehrsinfrastruktur, ein reibungslos funktionierendes Staatswesen, motiviertes Personal und eine Kultur des Ausgleichs. Nutzen wir sie.

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