Der Kommentar: Besonders die Annahme der Pädophilie-Initiative ist bezeichnend. Längst hat das ungeschriebene Gesetz, dass Volksinitiativen an der Urne kaum Chancen haben, keine Gültigkeit mehr. In den letzten zwanzig Jahren hat die Stimmbevölkerung so viele Initiativen angenommen wie vorher in hundert Jahren: jeweils 11.

Selbst in den Kantonen politisieren die Regierungen an den Stimmbürgern vorbei. Im solid bürgerlichen Kanton Schaffhausen verlor die ebenfalls bürgerliche Regierung fünf der letzten acht Abstimmungen. Im Kanton Graubünden reiht sich seit 2008 Abfuhr an Abfuhr.

«Die Schweiz hat ein Elite-Problem», konstatierte SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli letzten Montag nach dem Gripen-Absturz an der Urne. Die Bevölkerung, so glauben auch andere Politiker, misstraut den Eliten in Politik, Wirtschaft und Armee – und setzt deshalb direktdemokratische Zeichen. Das Ja zur Masseneinwanderungs-Initiative war laut Vox-Analyse ein Misstrauensvotum gegen den Bundesrat, das Ja zur Abzocker-Initiative ein Votum gegen die Wirtschaftselite. Ob das vernichtende Nein zu Mindestlöhnen bereits ein Indiz für zurückgewonnenes Vertrauen ist, muss sich zeigen.

Und das Nein zum Gripen? Nach 20 Jahren wettern und wüten gegen die «Classe politique» scheint es, als würde die SVP-Revolution ihre Kinder fressen: Das aufmüpfige Volk schreckt nicht einmal mehr davor zurück, die Armee-Vorlage eines SVP-Bundesrats abzuschiessen. Womöglich hat auch die Volkspartei ein Elite-Problem.

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