Der Kommentar: Dieses Jahr demonstrierten für einmal die Jungfreisinnigen am 1. Mai für Meinungsfreiheit. Sie zielten mit ihrem Protest aber weder auf den Einsatz von Hunderten Polizisten, die eine linke Demonstration im Kreis 4 verhinderten, noch auf die Personenkontrollen, die auch Unbeteiligte trafen. Die künftigen FDP-Politiker sahen vor allem ihre Meinungs- und Versammlungsfreiheit beschnitten. Denn sie hatten für eine eigene Kundgebung am Tag der Arbeit keine Bewilligung bekommen. Die linken Demonstranten hatten für den Protest kaum Verständnis. Sie demonstrierten zwar auch für die Einhaltung von Menschenrechten, meinten damit aber weniger die Rechte der Jungfreisinnigen als vielmehr die eigenen und die der Genossen.

Ähnlich geht es den Zürcher Fussballfans, die am letzten Samstag auf Bewegungs- und Versammlungsfreiheit pochten. Ihre Aktion stösst beim grössten Teil der Bevölkerung auf Ablehnung. Das zeigen nicht nur bissige Leserkommentare, sondern auch die grosse Zustimmung zu Gesetzen, die zwar auf Hooligans zielen, aber alle Fussballfans treffen. Nur weil in Aarau auch offensichtlich Unbeteiligte verhaftet wurden, werden nun Stimmen laut, die eine Untersuchung fordern.

Ginge es «nur» um Fans, geschähe nichts. Wenn es um die anderen geht, schränken wir Grundrechte ein. Wenn es um uns geht, pochen wir auf sie. Das ist scheinheilig. Wer Grundrechte nur einfordert, wenn es einen selber betrifft, fordert in Wirklichkeit Sonderrechte, also Privilegien. Denn Grundrechte sind vor allem die Rechte der anderen.

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