Der Kommentar: An den Schweizer Universitäten sind nur 19 Prozent aller Professoren Frauen – trotz Quotenziel von 25 Prozent. Das Beispiel der Universitäten zeigt, wie weltfremd der Entscheid des Bundesrats ist, der in den Geschäftsleitungen und Verwaltungsräten börsenkotierter Unternehmen 30 Prozent Frauen sehen will.

Erstens stellt sich die Frage: Warum sollen 30 Prozent für die Privatwirtschaft richtig sein, wenn an den staatlichen Hochschulen ein tieferer Zielwert gilt? Ist es denn einfacher, weibliche Geschäftsleitungsmitglieder und Verwaltungsrätinnen zu finden als Professorinnen?

Zweitens dokumentieren die Universitäten die Unwirksamkeit der Quote: Der Frauenanteil an den Hochschulen steigt seit zehn Jahren in homöopathischen Dosen an. Die Einführung der Quote vor einem Jahr führte zu keiner Beschleunigung. Die Quote hat also nichts gebracht ausser Bürokratie. Der Präsident der Uni-Rektoren sagt ohne Umschweife, es sei «unrealistisch», dass die Professorinnen-Quote von 25 Prozent bis ins Jahr 2016 erreicht werde. Warum soll es denn in den Spitzengremien der freien Wirtschaft realistisch sein?

Der Bundesrat beschloss für die Unternehmen eine sogenannte «weiche» Quote: Es gibt keine Sanktionen für Firmen, die sie nicht erreichen. Doch weiche Vorgaben – siehe Universitäten – verpuffen. Will man wirklich einen bestimmten Frauenanteil, muss man ihn mit harten Quoten erzwingen. Das aber wäre ein fundamentaler Widerspruch zu unserer freiheitlichen Wirtschaftsordnung. Der logische Schluss: Quoten sind ein Irrweg.

Zu einem anderen Schluss kommt Pascal Ritter.



Der Quatsch von der «Quote»
Von Pascal Ritter

Die Nachricht: Der Bundesrat will den Konzernen per Aktienrecht einen «Geschlechterrichtwert» empfehlen. Gleichzeitig schneidet nach über 10 Jahren freiwilliger Frauenförderung an den kantonalen Unis die Wirtschafts-Uni St. Gallen (HSG) am schlechtesten ab.

Der Kommentar: Zuerst muss ich ein Missverständnis klarstellen: Der Bundesrat hat diese Woche keine «Frauenquote» beschlossen. Im neuen Aktienrecht, das nun in die Vernehmlassung geht, ist lediglich von einem «Geschlechter-Richtwert» von 30 Prozent die Rede. Der Unterschied zum Schreckgespenst «Frauenquote» ist ein doppelter: Es geht nicht ausschliesslich um Frauen, sondern um beide Geschlechter und es handelt sich lediglich um einen Richtwert. Wird dieser nicht eingehalten, müssten die Firmen sich lediglich erklären. Sanktionen? Fehlanzeige. Von einer Quote zu sprechen, ist also Quatsch.

Über zehn Jahre Geschlechter-Richtwerte an den Schweizer Universitäten zeigen, dass dieses Instrument zu mehr Gleichstellung führt – wenn auch sehr langsam. In zehn Jahren konnte der Anteil Frauen unter denen, die eine Professur innehaben, von zehn auf zwanzig Prozent erhöht werden. Der Geschlechter-Richtwert wirkt aber nicht überall gleich. Die Wirtschafts-Kaderschmiede Uni St. Gallen (HSG) ist mit 12 Prozent weiblichen Profs das Schlusslicht unter den kantonalen Unis.

Vom Mikrokosmos der Universitäten auf die Arbeitswelt übertragen, heisst das: Die Wirtschafts-Bosse werden es ohne griffige Gesetze weder in fünf noch in zehn Jahren schaffen, ihre Macht mit einem Drittel Frauen zu teilen. Dass ausgerechnet die Wirtschaft und ihre politischen Vertreter den zahnlosen Geschlechter-Richtwert als «Frauenquote» verteufeln, zeigt: Wer die Quote am nötigsten hat, kämpft am lautesten gegen sie an.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper