Die Nachricht: Kein Schnee, frühlingshafte Temperaturen: Der Start in die Wintersaison ist für den Schweizer Tourismus nicht nur wegen des schwachen Euro missraten.

Der Kommentar: Um den Wintertourismus zu retten, hat in der letzten «Schweiz am Sonntag» alt Bundesrat Adolf Ogi zu einem «Schulterschluss» der involvierten Kreise aufgerufen, inklusive der Medien. Der ehemalige Skiverbandsdirektor und Uno-Botschafter für Sport und Frieden schlägt etwas vor, das es schon einmal gab, und das Erfolg hatte. Mitten im Zweiten Weltkrieg forderten der Bund und die Tourismusbranche das Volk auf, Ski zu fahren und Winterferien zu machen. «Das ganze Volk fährt Ski!», hiess 1943 der Slogan einer gross angelegten Kampagne. Diese verfolgte zwei Ziele: die militärische Früherziehung durch Skikurse sowie die Auslastung der Hotels in den Bergen. Der Krieg hatte diese geleert; die «Fremden», wie man die Touristen nannte, konnten nicht mehr in die Schweiz reisen. Eine Zwangsmassnahme trug dazu bei, das Anliegen zu verbreiten. Um Brennstoff in den Schulhäusern zu sparen, wurden während des Krieges schweizweit die Schulferien nach Weihnachten um eine Woche verlängert. «Heizferien» nannte man diese, und vielerorts nutzte man sie, um Skilager zu veranstalten. Nach dem Krieg wurde aus den Heizferien die Wintersportwoche.

Die gute Konjunktur der Nachkriegszeit sorgte dann für steigende Löhne und kürzere Arbeitszeiten. Die Freizeitgesellschaft konnte entstehen, und aus dem Werbeslogan wurde eine Realität: «Alles fährt Ski», wie Vico Torriani 1963 sang. Skifahren war total trendy.

Heute ist der Zeitgeist ein anderer. Wärme ist gut, Kälte ist schlecht. Oder: Nackte Knöchel zeigen statt Skischuhe tragen. Wellness statt Lager. Shopping in Städten. Und vor allem sind die Flugpreise enorm gesunken und überall auf der Welt Ferienresorts entstanden. Man kann jederzeit überall hin reisen.

Das lässt mich an der Wirksamkeit von Adolf Ogis Idee zweifeln. Eine Werbekampagne kann verstärken, was in der Luft liegt. Aber sie kann den Zeitgeist nicht wegzaubern. «Man kann mit Werbung nicht alles erreichen. Sie muss dem Zeitgeist entsprechen», hat Doris Gisler gesagt, die mit eine der erfolgreichsten Schweizer Werbekampagnen schuf: jene fürs Fondue, das parallel zum Skifahren zum Schweizer Identifikationsmerkmal wurde.

Gleiches gilt für die zahlreichen Hotelprojekte in den Bergen, die auf das Interesse von Wintersportlern bauen. Die Situation heute ist eine andere, als Ende des 19. Jahrhunderts, als die Badrutts in St. Moritz und die Seilers in Zermatt Hotel um Hotel eröffneten, und diese im Nu bis aufs letzte Bett füllten. In den Schweizer Bergen Ferien zu machen war damals so angesagt wie Facebook und iPhone heute.

Die Tourismusunternehmer in den Schweizer Bergen haben in den letzten Jahren Milliarden in die Erneuerung von Bahnen und Liften und in Beschneiungsanlagen investiert. Zu Recht vermutlich, sonst stünden jetzt alle Lift still. Neue Gäste haben diese Investitionen aber nicht gebracht. Sondern den Verdrängungswettbewerb im schrumpfenden Markt angeheizt.

Gewiss hat Adolf Ogi Recht, wenn er auf eine nationale Strategie, auf eine abgestimmte Vermarktung des Wintertourismus in den Schweizer Bergen pocht. Damit die Destination Schweiz in Fernost oder in Südamerika überhaupt wahrgenommen wird. Aber vielleicht würden sich die Alpen dafür besser gleich gemeinsam und grenzüberschreitend vermarkten.

In der Praxis werden Wintervergnügen abseits des Skifahrens immer häufiger umgesetzt: Schlittelbahnen gepfadet, Loipen angelegt, Wanderwege frei gehalten, Schneeschuhrouten ausgesteckt – wenn Schnee vorhanden ist. Die Snow’n’Rail-Angebote der SBB machen Tages- oder Zweitagesauflug auf eine Piste erschwinglich.

Ja, Wintersport und insbesondere das Skifahren sind teuer. Vor allem im Vergleich mit Strandferien. Aber in den 1960er Jahren, als in der Schweiz alles Ski fuhr, war es, gemessen an der Kaufkraft, noch teurer.

Laut einer Studie des Bundesamtes für Sport ist die Popularität des Skifahrens ungebrochen. Noch immer fährt mehr als ein Drittel der Bevölkerung Ski. Auch ich. Ich bin generell ein Fan des Winters, liebe es, wie er Landschaften verwandelt. Und so leide ich angesichts des frühlinghaften Wetters mit den Berglern. Aber manchmal ärgere ich mich auch über sie. Wieso etwa gibt es im Chip-Zeitalter in den meisten Skigebieten Nachmittags-, aber keine Vormittagskarten? Wieso sind die meisten Bergrestaurants Kantinen, in denen lieblos die ewig gleichen Menüs geschöpft werden? Naja, und die Knorrigkeit der Bergler ist leider oft mehr als nur sprichwörtlich. Wenn es viel kostet, muss der Service einfach stimmen.


* Michael Lütscher ist Journalist und Autor des Buches «Schnee, Sonne und Stars. Wie der Wintertourismus von St. Moritz aus die Alpen erobert hat», NZZ Libro, Fr. 88.–.

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