Der Kommentar: Die Wahlen spielen sich in der Schweiz in den Kantonen ab. Müsste man indes einen nationalen Schauplatz bestimmen, auf dem sich alle wichtigen Akteure des Wahlkampfs treffen und der den politischen Vorgang symbolisiert, dann wäre das eindeutig das Bundeshaus in Bern, der Ort, an dem dann auch das neu gewählte Parlament tagen wird. Doch die Wirklichkeit ist anders. In der Schweiz trifft sich die politische Prominenz am Wahltag nicht im politischen Zentrum und auf der politischen Bühne, also in Bern und im Bundeshaus, sondern auf der Medienbühne in Leutschenbach.

Das ist unter zwei Gesichtspunkten merkwürdig. Erstens stammen vier der Präsidenten der fünf wichtigsten Parteien – jene der SP, der FDP, der CVP und der Grünen – aus der Romandie oder aus dem Tessin. Sie können aber nicht in Genf oder in Lugano auftreten und auch nicht in Bern, wo sie sich ja um der Politik willen stets treffen, sondern sie müssen in Zürich antanzen. Zweitens gibt am Wahltag die SRG den Takt vor: Die Politiker gehen zu den Medien und nicht die Medien zu den Politikern.

Das wäre in anderen Demokratien so nicht möglich. In Grossbritannien folgt die BBC am Wahltag dem Ritual der politischen Institutionen. Sie berichtet direkt aus den Wahlkreisen, in denen der Wahlleiter den in einem Glied aufgereihten Kandidaten das Ergebnis verkündet. So konnte man das letzte Mal auch mitverfolgen, wie die Spitzenkandidaten David Cameron, George Brown oder Nick Clegg in ihrem jeweiligen Wahlkreis ihr Resultat entgegennahmen. Dann sieht man die Parteiführer in den Wahlzentralen ihrer Parteien auftreten. Kommt es zu einem Regierungswechsel, begleitet die BBC den abtretenden Premierminister auf der Fahrt zur Königin, und später dann den neuen, wenn er in Downing Street 10 einzieht.

Auch in Frankreich eilen die Spitzenkandidaten nicht ins Fernsehstudio. Sie geben in ihren Wahlkreisen oder an Parteipartys Erklärungen ab, worüber TF 1 und France 2 berichten. Tritt beispielsweise Premierminister François Fillon auf, dann äussert er sich im Hôtel Matignon, dem Regierungssitz. Ähnlich in Deutschland, wo ARD, ZDF oder RTL zuerst zeigen, wie Wahlsieger oder Wahlverlierer in Berlin vor ihren Anhängern an den Wahlpartys reden und gefeiert oder getröstet werden, bevor sie dann die Sender besuchen – aber nicht an deren Standorten in Mainz, Köln oder Hamburg, sondern im Reichstag in Berlin.

Natürlich spielt sich auch in Grossbritannien, Frankreich und Deutschland viel im Fernsehstudio ab: Da gibt es Hochrechnungen, Experten-Analysen, diskutierende Politikerrunden. Und natürlich gehen auch in der Schweiz die Korrespondentinnen und Korrespondenten der SRG an die Orte des Geschehens, in die Rathäuser der Kantone. Aber in keinem anderen Land müssen sich die politischen Akteure so stark dem Diktat eines Mediums unterwerfen wie im Land der Eidgenossen. Hätte die Politik Vorrang wie in Frankreich und Grossbritannien, dann würden die Spitzenpolitiker zunächst in ihren Kantonen bleiben, das eigene Resultat und das ihrer nationalen Partei abwarten und dann, umjubelt oder betrauert von ihren Getreuen, vor die Mikrofone treten und eine Erklärung abgeben – Fulvio Pelli in Bellinzona, Christian Levrat in Fribourg, Christophe Darbellay in Sion, Toni Brunner in St. Gallen.

Sonderbare Schweiz: Im Alltag tanzen die Medien nach der Regie des Bundesrates, am Wahltag tanzen die Politiker nach der Regie der SRG. Zur wöchentlichen Pressekonferenz im Bundeshaus lädt die Bundeskanzlei ein und der Vizekanzler leitet sie, anders als beispielsweise in Berlin, wo der aus Medienschaffenden bestehende «Verein Bundespressekonferenz» einlädt und ein Journalist die Medienkonferenz mit Pressesprechern oder Ministern leitet. Am Wahltag hingegen bestimmt die SRG die Bühne, die Szenen und das Personal. Einzig die Frage, welcher Partei wie viele Stimmen zufallen, kann sie nicht entscheiden. Das bleibt Sache des Volkes.

Die externen Kolumnisten und Kommentatoren des «Sonntags» äussern in ihren Beiträgen ihre persönliche Meinung.

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