Erstaunlich lange blieb es hierzulande trotz dieser Entwicklung ruhig. Unternehmer und bürgerliche Politiker sahen in der Frankenaufwertung auch Gutes: Die Industrie werde so fit getrimmt, sie müsse noch effizienter werden, das helfe ihr langfristig. Aber was heisst langfristig? Der Ökonom John Maynard Keynes sagte: «In the long run we are all dead», langfristig sind wir alle tot.

Erst in den letzten Tagen hat ein Umdenken stattgefunden. Die Zahl der Warner wird grösser, ihre Stimme lauter. Der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse – der sonst an die unsichtbare Hand des Marktes glaubt, die alles regelt – befürchtet nun eine «Deindustrialisierung» der Schweiz. Der Präsident der Maschinenindustrie Swissmem, Hans Hess, ist in «höchster Alarmstimmung» und schliesst das Horrorszenario einer Parität (1 Euro = 1 Franken) nicht mehr aus.

Die liberale «NZZ» urteilte gestern, noch gehe es der Schweiz sehr gut, aber nach einer gewissen Zeit würde der Wechselkurs Spuren hinterlassen. Und Nationalbank-Vizepräsident Thomas Jordan warnt mit Blick auf Griechenland vor einem «Dominoeffekt»: «In einem solchen Fall wäre auch eine weitere Aufwertung des Schweizer Frankens zu befürchten», sagt er in unserem Interview.

Warnen gehört zum Erkennen des Problems, löst es aber nicht. Die Schweiz erlebt in diesen Tagen die Grenzen ihrer Souveränität wie kaum je. Wenn es in Athen brennt, steigt der Franken. Wenn Sarkozy und Merkel eine Einigung im Schuldenstreit in Aussicht stellen, fällt er wieder ein bisschen. Solche Dinge sind es, die den Frankenkurs bestimmen. Und weniger die Nationalbank.

Als nach den Volksaufständen in Nordafrika die Zahl der Flüchtlinge wuchs, konnten wir fordern: Armee an die Grenze! Rasch wieder ausschaffen! Als in Japan Lebensmittel radioaktiv verseucht waren, oder in Europa EHEC grassierte, konnten wir fordern: Schärfere Kontrollen! Importstopp! Als wir den Islamismus fürchteten, konnten wir fordern: Minarett-Verbot! Burka-Verbot!

Was aber sollen wir jetzt fordern? Wir sind nicht in der EU, haben keinen Euro, können also souverän entscheiden. Aber was entscheiden? Der Bund hat schon die Exportrisikoversicherung erweitert und mehr Geld für die Tourismuswerbung bewilligt. Er könnte nun noch, wie zum Teil gefordert wird, Steuern für Exportfirmen senken. Aber wenn diese keinen Gewinn mehr machen, müssen sie sowieso keine Steuern zahlen. Gegen weitere Aufwertungen würde nur zweierlei helfen:

Die Schweiz teilweise vom Kapitalmarkt abschneiden. Das scheint unrealistisch. Oder aber den Franken an den Euro binden. Doch dann würden wir unsere souveräne Geldpolitik aufgeben – über Zinsen und Geldmengen würde in Frankfurt entschieden.

Die unbequeme Wahrheit sprach bislang noch kein Schweizer so deutlich aus wie der Schotte Niall Ferguson. Der renommierte Wirtschaftshistoriker sagt: «Es gibt kein realistisches Gegenmittel. Ihr Schweizer müsst mit dem starken Franken leben lernen. Er ist der Preis für euren Erfolg – und dafür, dass euer Land das Geld reicher Leute anzieht.»