Die Nachricht: Lukas Bärfuss’ politischer «Hässay» (eine Mischung aus Gehässigkeit und Essay) «Die Schweiz ist des Wahnsinns» in der «FAZ» entfachte eine Lawine an Reaktionen.

Der Kommentar: Salman Rushdies Gesicht kennt auch, wer es nicht auf sein Kopfgeld von 1 Million Dollar abgesehen hat. Seit der Autor 1989 wegen Beleidigung des Islams mit der Fatwa belegt wurde, ist sein Ruhm gigantisch. Die Eröffnungsrede der Frankfurter Buchmesse hielt er nicht zur Literatur, sondern zur Meinungsfreiheit. In letzter Zeit scheint Rushdie in bester Gesellschaft zu verkehren. Selbst Bestsellerautor Rafik Schami wird seit vier Jahren statt zu Literatur zum Krieg in seiner Heimat Syrien befragt. Als gelte das ungeschriebene Gesetz: Ein schreibender Autor ist ein Orchideengärtner, ein sich äussernder Autor das Gewissen der Gesellschaft. Kein Wunder, sind Literaten vermehrt für ihre gesellschafspolitischen Äusserungen gefragt statt für ihre Bücher.

Es stimmt. Max Frisch hat 1981 die politische Literatur für bankrott erklärt. Ausser «Onkel Toms Hütte» falle ihm kein Buch ein, dessen politische Wirkung nachgewiesen sei. Nehmen heutige Autoren Frisch zu ernst? Jedenfalls sitzen sie immer öfter auf Podien zu Politik statt am Laptop und schreiben statt Literatur über die Lage des Landes. Das ist durchaus angemessen. «Wer schreibt, schaut länger auf die Dinge als andere Leute sich Zeit nehmen können», sagt Jenny Erpenbeck. Doch manchem Autor ist die Rolle lästig: Rafik Schami mag nicht in jedem Interview Syrien analysieren, schliesslich liegt seine Leidenschaft im Bücherschreiben. Ob persönliche Eitelkeit über das Ausmass an politischem Engagement mitentscheidet? Eine gewagte Behauptung. Und doch gefallen sich Autoren wie Lukas Bärfuss oder Jonas Lüscher ausnehmend gut in der neuen Rolle, dank der sie als Person vor ihre Bücher treten. Statt um Koalas oder Barbaren geht es um Bärfuss und Lüscher. Ich höre ihnen gerne zu. Aber auf ihr nächstes Buch freue ich mich mindestens genauso.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper