Der Kommentar: Im US-Präsidentschaftswahlkampf stehen sich mit Hillary Clinton und Donald Trump die zwei unbeliebtesten Kandidaten aller Zeiten gegenüber. In einer kürzlich durchgeführten Umfrage von Gallup sagten nur 32% der Befragten, sie hätten eine positive Meinung von Donald Trump. 63% hingegen antworteten, sie hätten eine negative Ansicht von Trump. Clintons Werte sind nur wenig besser: 40% sehen sie eher positiv, 55% eher negativ. Auch sind die beiden Kandidaten bereits relativ bekannt bei den Wählerinnen und Wählern. Deshalb ist es kampagnentechnisch einfacher, die negativen Werte zu beeinflussen als die positiven. Ergo wird es für viele Wähler darauf hinauslaufen, das kleinere Übel zu wählen. Das Rennen verspricht also, zur negativsten Wahlschlacht aller Zeiten zu werden. «Negative Campaigning» ist so alt wie Wahlkampf selbst und war schon oft ein effizientes Instrument für Kandidaten, die selbst hohe negative Werte hatten.

Wenn sich der Wahlkampf der nächsten Wochen zu einer Diskussion zuspitzt, ob Trump Präsident werden sollte oder nicht, wird Hillary Clinton gewinnen. Umgekehrt: Wenn sich die öffentliche Debatte von der Dynamik her zu einem Referendum über Clinton entwickelt, wird Trump gewinnen.

Offensichtlich hatten die Demokraten den besseren Parteitag als die Republikaner. Dabei geht es nur sekundär um die Einschaltquoten und die Anzahl Standing Ovations. Vielmehr ist es zentral, die strategischen und kommunikativen Ziele zu erreichen: interne Geschlossenheit demonstrieren, Kontrast zum Gegner herstellen sowie den entscheidenden Wechselwählern die richtige Botschaft kommunizieren. Die Demokraten haben dies disziplinierter und mit weniger Fehlern getan als die Republikaner.

Die Wochen seit den Parteitagen waren schwierig für Trump. Man kann sich schon gar nicht mehr an alle Fehltritte erinnern: Die Nacktbilder von Melania Trump und die Fragen um ihre Arbeitsgenehmigung in den USA während der 1990er-Jahre sowie Trumps Zickzackkurs im Umgang mit den Parteikollegen Paul Ryan und John McCain sind nur zwei Beispiele. Auch die Aussage, die teils als Gewaltaufruf gegen Hillary Clinton interpretiert wurde, sowie der Aufruf republikanischer Sicherheitsexperten gegen Trump haben sicherlich nicht geholfen. Aus diesem Grund liegt Clinton momentan in den Umfragen eben vorn.

Dies darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es ein knappes Rennen werden könnte. Sobald Hillary Clinton, ihre Schwächen und Skandale im Zentrum der Debatte stehen, können sich die Umfragen schnell wieder ändern. Klar, der demografische Wandel der USA hilft Clinton. Die Demokraten haben bei fünf der sechs letzten Präsidentschaftswahlen das Volksmehr gewonnen. Auch die Tatsache, dass wieder eine Mehrheit der Amerikaner eine positive Meinung zur Amtsführung von Präsident Barack Obama hat, ist Rückenwind für die Demokratin. Trotzdem halte ich Gedankenspiele von einem Erdrutschsieg Clintons sowie einer demokratischen Mehrheit im Repräsentantenhaus zum jetzigen Zeitpunkt für verfrüht. Trump ist ein äusserst unkonventioneller Kandidat. In einem Duell zwischen dem konventionellsten und dem unkonventionellsten Kandidaten würde ich Letzteren nicht abschreiben. Kann sein, dass er plattgewalzt wird. Kann aber auch sein, dass er für die eine oder andere Überraschung sorgen wird. Dazu wären dann vor allem die viel beachteten Fernsehdebatten im Herbst eine gute Gelegenheit.

Schliesslich werden Präsidentschaftswahlen in den USA Bundesstaat für Bundesstaat ausgefochten. Ein Kandidat muss in möglichst vielen Bundesstaaten eine Pluralität der Stimmen erhalten, um die Wahlmännerstimmen der jeweiligen Bundesstaaten zu gewinnen. Besonders im Fokus stehen dabei Ohio, Florida und Pennsylvania. Traditionell galt die Faustregel, wonach derjenige Kandidat, der zwei der drei Staaten gewinnt, ins Weisse Haus einzieht.

Dr. Louis Perron ist Politologe und Politberater. Er hat an der Graduate School of Political Management an der George Washington University in Washington D.C. studiert. Auf www.campaignanalysis.com bloggt er u.a. über den Präsidentschaftswahlkampf in den USA .