Der Kommentar: Die Künstler sind sicher nicht die besseren Politiker als die Politiker. Nein, die Künstler sind genau das, was die Politiker immer aus unserem Leben und aus unseren Wünschen, aus unserem Sehnen und aus unseren Träumen verdrängen wollen. Schon Platon wollte die Schriftsteller und Maler aus seiner idealen Stadt vertreiben. Aussperren. Denn sie beharren auf dem, was nicht machbar ist. Auf dem, wovon wir träumen, bevor wir mit einer kalten Dusche am Morgen in den Alltag starten und gehärtet, geeist vom kalten Wasser immer nur das tun, was vernünftig ist.
Dabei war Platons Staat ein Ideal. Eine Utopie. Der Traum einer anderen Welt, einer Möglichkeitswelt. Und ist die Utopie nicht das eigentliche Geschäft, die eigentliche Aufgabe der Politik? Müsste sie für unsere «Polis» nicht Entwürfe entwerfen, die die engen Regeln des Profits sprengen. Die uns hinauswerfen in eine Zukunft, in der unsere Kinder im Freien und im Grünen des Grünen spielen könnten? Wollen wir als lebende Tote durchs Leben wandeln?

Der Künstler verunsichert unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit. Er bricht deren Grenzen auf. Er verweist uns wie ein Pfeil der Sehnsucht auf das, was vielleicht auch möglich wäre. Auf das, was wir vielleicht wirklich wollen. Das, was wir für uns selbst erträumten, bevor wir unsere Träume dem Wirklichkeitssinn unterwarfen. Aber auch wir haben uns dem Möglichen unterworfen. Der Staat fördert uns und gibt uns Geld. Er richtet uns Freiräume aus. Aber ist dieser Freiraum nicht, wie es Dürrenmatt ahnte, ein Gefängnis?

Ja, auch wir haben uns mit einer Listenverbindung dem Realitätssinn unterworfen. Aus der Überlegung, dass wir keinen Sitz im Nationalrat machen und dann unsere Stimmen «verloren» wären. Aber sind wir nicht immer schon verlorene Kinder gewesen, «enfants perdus» der Revolution? Und hätte eine Listenverbindung, wenn schon, mit der CVP geschlossen werden können? Denn die Kunst ist ein Feld jenseits der Parteien. Wir haben deklariert, dass wir für die Menschenrechte einstehen. Gewiss. Aber ist die Idee der Menschenrechte nicht letztlich auf eine Vorstellung einer Vernunft gegründet, die universal und global gleich ist? Aber es gibt doch verschiedene «Vernünfte». Und auch das Recht, an eine ganz andere Vernunft zu glauben als an jene, die in Europa zur Zeit der Französischen Revolution erfunden und über alle Kolonien verbreitet wurde. Schliesslich haben wir die Kolonialisierten damals nicht befragt, ob sie sich unserer Rationalität unterwerfen wollen. Kann man sich nicht ein Menschenrecht vorstellen, das weit über unsere jetzigen Menschenrechte hinausgeht?

Die Menschenrechte sind in unserer Verfassung garantiert, die sich auf einen Gott beruft. Aber gibt es nicht andere Götter? Und gibt es nicht auch eine Welt ohne Gott? Die alten Griechen glaubten an viele Götter. Heute glauben überall Leute an den einen alleinseligmachenden Gott und führen seit Jahrhunderten Kriege im Namen ihres Gottes. Und die, die nicht an Gott glauben, glauben auch an einen einzigen höchsten Wert: die Vernunft, die Rationalität, die Produktion. Den Mehrwert. Kunst aber suchte immer auch den Unwert. Die Verschwendung, das Fest des freien Augenblicks.

Wären wir nicht für die Öffnung der Grenzen, um nicht nur Migranten hereinzulassen, sondern eben auch die ganz anders klingenden Sprachen anderer Menschen? Was, wir begnügen uns mit vier Landessprachen und sind auch noch stolz darauf! Wollen wir nicht 120 Landessprachen? Stammelnd und stotternd, weil wir doch angesichts all der unlösbaren Aufgaben nur noch stammeln und stottern können? Es wäre eine schöne Aufgabe, die Worthülsen im Nationalrat in der Luft zerplatzen zu lassen wie bunte Ballone. Es wäre eine schöne Aufgabe, die Zauberformel nach den Buchstaben altgriechischer Zauberformeln auf Papyri neu zu erfinden. Einmal ein Jahr lang 27 Bundesräte zu haben und dann nur fünf wie unsere fünf Vokale. Nicht nach Parteien aufgeteilt, sondern nach den Anfangsbuchstaben unserer Vornamen: A, E, I, O, U.

«Aeiou» hiess bei den Griechen «Ewig». Diese Ewigkeit des Zufalls wollte schon Platon aus seinem Staat verbannen. Er hat uns aus der Politik vertrieben. Und wir haben uns aus ihr vertreiben lassen. Jetzt wollen wir in ihre Mitte zurück, denn es ist nicht das Gespenst des Kommunismus, das uns bedroht, sondern der Dämon jener Demokratie, wo der gesunde Menschenverstand des Machbaren herrscht und uns zu Gefangenen macht, deren Gefängnismauern von ein paar Malern ausgeziert werden. Kunst als Kerkertapete. Wir müssen diese Mauern einreissen und hoffen, dass wir uns selber nicht mehr überwachen, sondern hellwach die Bilder aus unseren Träumen Wort werden lassen in Voten, die so vieldeutig sind wie ein Gedicht.

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