Der Kommentar: In den Wochen vor der Abstimmung vom 12. Februar über «Unternehmenssteuerreform III» und erleichterte Einbürgerung fragen die Medien öfters, was die katholische Kirche dazu sage und ob sie eine Abstimmungsempfehlung herausgebe.

Gleichzeitig wird man vom derzeit grassierenden Trump-Fieber schon fast genötigt, Alexis de
Tocquevilles Klassiker «Über die Demokratie in Amerika» zur Hand zu nehmen. 1835 und 1840 in zwei Bänden erschienen, ist dieses Werk wieder von Aktualität, sogar wenn es um die «USR III» und die Einbürgerung geht, jedenfalls dann, wenn die Haltung der Religionsgemeinschaften zu solchen Fragen im Raum steht.

Tocqueville hat auf seiner Entdeckungsreise durch die Vereinigten Staaten eine religiöse Welt angetroffen, die sich vom alten Kontinent erheblich unterschied: Während in Europa politisch gegängelte Staatskirchen den Ton angaben, herrschte in Amerika religiös – wie auch wirtschaftlich und weltanschaulich – der freie Markt. Es lebten in der Neuen Welt viele religiös und politisch Verfolgte aus Europa, die nun in Freiheit ihren Glaubensüberzeugungen nacheifern wollten. Daraus resultierte eine Situation, wie sie heute auch unsere Gesellschaft prägt: Pluralismus und freie Religionsausübung in einer Gesellschaft von Gleichen.

In den USA beobachtete Tocqueville, «wie in Zeiten der Aufklärung und der Gleichheit der menschliche Geist nur widerstrebend bereit war, dogmatische Glaubenshaltungen anzunehmen, und nur in religiösen Dingen ein lebhaftes Verlangen danach empfand». Religiöse Bevormundung in diesseitigen Fragen kam also, gerade aufgrund der europäischen Vorgeschichte, wo solches an der Tagesordnung gewesen war, schlecht an. Es liess Tocqueville erkennen, dass unter den Bedingungen des Pluralismus «die Religionen sich innerhalb der ihnen zugewiesenen Grenzen einer grösseren Zurückhaltung befleissigen müssen, dass sie nicht versuchen sollen, diese zu überschreiten». Würden sie nämlich ihre Autorität über die religiösen Dinge hinaus ausdehnen, liefen sie Gefahr, «in keiner Sache Glauben zu finden». Die Religionsgemeinschaften müssten deshalb sorgsam den Kreis abstecken, innerhalb dessen sie für die Gläubigen eine Autorität sein wollten und jenseits dessen sie die Menschen sich selbst überlassen sollten. Das Evangelium spreche ja auch nur von den allgemeinen Beziehungen der Menschen zu Gott und untereinander. Ausserhalb dessen lehre es nichts und verpflichte zu keinem Glauben.

Es fällt schwer, hier nicht vorgezeichnet zu sehen, was die katholische Kirche im II. Vatikanischen Konzil (1962–1965) festgehalten hat. Den Klerikern schrieb es den Respekt vor der Freiheit der Gläubigen in politischen Fragen ins Stammbuch: «Die gerechte Freiheit, die allen im irdischen bürgerlichen Bereich zusteht, sollen die Hirten sorgfältig anerkennen.» Auch der Kirche, die in ihrer Geschichte leider oft genug religiöse Vollmacht missbraucht hatte, um diesseitige Ziele zu erreichen, war nun klar geworden, dass bei komplexen politischen Fragen – vom christlichen Standpunkt aus betrachtet – meist mehrere Antworten möglich sind. Und so erklärte das Konzil: «Oftmals wird gerade eine christliche Schau der Dinge ihnen [den Gläubigen] eine bestimmte Lösung in einer konkreten Situation nahelegen. Aber andere Christen werden vielleicht, wie es häufiger, und zwar legitim, der Fall ist, bei gleicher Gewissenhaftigkeit in der gleichen Frage zu einem anderen Urteil kommen.»

Deshalb bedarf es heute kirchenamtlicher Zurückhaltung in konkreten politischen Fragen, nicht nur bei den Abstimmungsvorlagen vom 12. Februar, sondern generell. Das ist kein Ausdruck von Weltvergessenheit oder Resignation. Vielmehr zeigt sich darin Klugheit, zu der schon Tocqueville geraten hat.

In Amerika scheint sich kirchliche Selbstbescheidung ausgezahlt zu haben. Die öffentliche Meinung sei den Priestern nicht feindlich gesinnt, stellte er fest. Sie stütze und schütze sie eher. Und ihre Glaubenslehren seien als geistliche Autorität respektiert. Es wäre deshalb auch hierzulande zu überlegen, ob sich die Religionsgemeinschaften nicht in grösserer politischer Zurückhaltung üben sollten. Denn einseitige politische Stellungnahmen vergraulen viele Gläubige, die legitimerweise andere politische Überzeugungen haben. Politisierende Religionsvertreter schwächen wider Willen ihre Religion. Sie provozieren, wie Tocqueville festgestellt hat, dass Religionen in keiner Sache mehr Glauben finden.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper.