Der Kommentar: Die Freikirchen boomen, während Reformierte und Katholiken Mitglieder verlieren. Zumindest in der Schweiz. Die katholische Kirche mit weltweit 1,2 Milliarden Mitgliedern kennt sehr gegensätzliche Situationen. Global gesehen, wächst die katholische Kirche jährlich um etwa 14 Millionen Gläubige. Auch die Priesterzahlen steigen. Das Trauerspiel der Verluste spielt sich vor allem in Westeuropa ab.

In der Schweiz stehen wir vor speziellen Herausforderungen. Dazu gehört aber kein Konkurrenzdenken. Denn was heute gesellschaftlich tatsächlich im grossen Stil boomt, sind keine Freikirchen mit klassischen Familienwerten oder poppige Gottesdienst-Shows, sondern das ist die Demontage klassischer Familienwerte und das Verdunsten des Glaubens: die Beziehung zu Gott, der Glaube ans ewige Leben. In den Medien erscheint Religion fast nur als Problem, jedenfalls dort, wo Gläubige sich weigern, das Evangelium links-liberaler Relativisten und Zeitgeist-Hohepriester nachzubeten. Religiosität mag im Privaten eine Rolle spielen, aber nur als spirituelle Wellness, ohne öffentliche Wirksamkeit. De facto leben wir in einer atheistischen Gesellschaft, die davon ausgeht, dass es keinen personalen Gott gibt: einen Gott mit verbindlichen Ansprüchen, der zu unserem Seelenheil Gebote erlässt. Wir verlassen uns nur noch auf unsere eigenen Gebote, sei es politisch oder moralisch. Wir sehen in unserer Freiheit die Erlaubnis, über das Leben zu verfügen, von seinem natürlichen Anfang (Abtreibungsfrage) bis an sein Ende (begleiteter Suizid).

Da beginnen die eigentlichen Herausforderungen. Und da beeindruckt die missionarische Leidenschaft der Freikirchen. Dagegen wirken Katholiken hierzulande oft ängstlich, als wollten sie nur noch verhindern, dass man ihnen das postmoderne Kainsmal «reaktionär» oder «homophob» auf die Stirn brennt. Nur schon das Wort Mission riecht nach Fundamentalismus. In der Öffentlichkeit wie in karriererelevanten Situationen gibt man sich besser neutral. Genügt das nicht, folgen die obligaten Abgrenzungen von der katholischen Doktrin. Der Glaube der Kirche wird aufgelöst im trüben Wasser der politischen Korrektheit.

Das hat mit dem allgemeinen Anpassungsdruck zu tun. Institutionell wird dieser Druck verstärkt durch das System der Kirchensteuer. Man kann nicht wie eine Volkskirche Steuern eintreiben und zugleich Minderheitenpositionen vertreten, etwa zur Unauflöslichkeit der Ehe oder zu homosexuellen Verbindungen. So werden bei der Verkündigung die Vollständigkeit und Klarheit gemieden, damit nicht noch mehr Schäfchen davonrennen. Der Zwang zur Mehrheitsfähigkeit führt zum Verlust an klaren Positionen, in der Folge zum Verlust an Profil und Anziehungskraft.

Dabei wäre die katholische Kirche ein wunderbares Kontrastprogramm zum Mainstream, eine globale Stimme, die herausruft aus dem rein Weltlichen, gesellschaftlich Vorgegebenen. Ein Kontrastprogramm, das den Menschen Wesentliches zu bieten hat. Der Glaube führt zu Positionen, die im besten Sinn spannungsreich sind. Gerade bei der Frage, was menschliche Freiheit eigentlich bedeutet. Unsere Zeit postuliert ein Machenkönnen, mit dem wir nicht
nur über die Laufbahn, unsere sexuelle Identität oder über politische Fragen, sondern über das ganze Dasein entscheiden zu können meinen. Hier wäre die Kirche in der Lage zu sagen: Du bist nicht der Chef. Du entscheidest nicht über Leben und Tod. Wenn du lebst, wie es Gott gefällt, bist du in Seine Gemeinschaft gerufen, aber der Himmel ist kein Fitnesscenter für Selbstverwirklicher. Beim Thema Sexualität könnte die Kirche sagen: Lebe nicht unter deiner Würde. Die Ehe ist der Schutzraum, in dem du die Liebe mit deinem Leib erfüllt feiern kannst, ohne lust- und fruchtlose Gummis.

Sicher, viele lehnen diese Sicht der Dinge ab. Sie betrachten die Kirche als eine global organisierte Spassbremse. Ein römisch-katholisches Kartell gegen Selbstbestimmung. Auch Freikirchen werden in die reaktionäre Ecke gestellt. Aber sie lassen sich davon nicht lähmen. Und das sollten auch die Katholiken nicht tun. Umso mehr, als ihnen die Verbindung mit der Weltkirche hilft.

Wir haben derzeit einen Papst, der gesagt hat: «Ich träume von einer missionarischen Entscheidung, die fähig ist, alles zu verwandeln, damit die Gewohnheiten, die Stile, die Zeitpläne, der Sprachgebrauch und jede kirchliche Struktur ein Kanal werden, der mehr der Evangelisierung der heutigen Welt als der Selbstbewahrung dient.» Es kann deshalb nicht verwundern, dass Franziskus einen Schulterschluss mit den Freikirchen sucht. Diese betreiben keine mainstreamkonforme Selbstbewahrung. Und die katholische Kirche darf das auch nicht, wenn sie als Glaubensgemeinschaft in einer Zeit des Relativismus bestehen will.

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