Der Kommentar: Frühere kirchliche Dokumente waren oft streitbar. Ein Kontrapunkt zu den falschen Propheten, die den Ohren schmeicheln und die Seele einlullen, die arglos in den Abgrund taumelt. Angesichts der Gefahren der Welt bevorzugte die Kirche Klartext, ohne sonderpädagogische Wohlfühl-Lyrik. Das hat sich nun gewandelt. Die Kirche will die gegenwärtige Lebensrealität ernst nehmen. Und sie will eine neue Sprache, die niemanden verurteilt und ausgrenzt.

Wie das geht, führt uns das Dokument der Bischofssynode selbst vor. Zum Beispiel tritt die Aufforderung, nicht mehr zu sündigen und umzukehren, in den Hintergrund. Dafür geht es mehr um «crescita», um unser Wachstum. Es geht um «maturazione», um unsere Reifung. Bei diesem Prozess will uns die Kirche lieber «begleiten» als tadeln. Sanftmütig will sie uns helfen, zu «unterscheiden». Diese Art des Redens erfreut sich im kirchlichen Mainstream, gerade unter fortschrittlich sich dünkenden Katholiken, grosser Beliebtheit. Himmel und Hölle? Nein, lieber «Versöhnungs- und Angstbilder». Gut und böse? Sünde? Lieber «graduelle Verwirklichungen» des Ideals. Es ist eine politisch korrekte Sprache, welche die Schäfchen nicht unnötig schrecken soll. Aber nimmt uns die Kirche mit diesem Neusprech wirklich ernst? Als moderne, aufgeklärte Menschen?

Für Immanuel Kant war Aufklärung der «Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit». Heute dürften sich viele als mündig und aufgeklärt verstehen. Nur: ist das auch in der Kirche schon angekommen? Wohl kaum, wenn man auf «crescita» und «maturazione» setzt, auf Wachstum und Reifung. Denn wer noch wachsen muss, ist ja noch nicht erwachsen. Und wer reifen muss, ist noch unreif. Genau genommen, sagt uns die Kirche mit ihrer neuen Sprache also: Ich helfe dir, erwachsen und reif zu werden. So erwachsen und reif, wie ich es schon bin.

Spricht so eine Kirche, die das aufgeklärte Selbstverständnis unserer Gesellschaft ernst nimmt? Die ein vertieftes Verständnis der Moderne sucht und neue, angemessene Wege der Verkündigung? Zweifellos will die Kirche heute mehr Weltoffenheit und Wirklichkeitsnähe an den Tag legen. Trotzdem kann die pastorale Zuckerwatte, die sie anbietet, nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie den Menschen letztlich doch nicht ernst nimmt. Die sanfte Universaltherapie, die urteilsfreie Sonderpädagogik: Das sind keine positiven Zeichen der Öffnung, sondern es ist Ausdruck einer Infantilisierung. Wie Kinder wünscht man uns an der Hand zu nehmen, auf dass wir wachsen und reifen. Paternalismus pur.

Die frühere Kirche war da ehrlicher. Mit ihrer klaren Rede nahm sie uns für voll. Im Alten Testament, im Buch Deuteronomium, heisst es unter 30, 19: «Den Himmel und die Erde rufe ich heute als Zeugen gegen euch an. Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen.» Das ist kein Paternalismus. Sondern wir werden, als selbstverantwortliche Personen, mit Klartext konfrontiert. Wir werden vor die Wahl gestellt. Man spricht uns den nötigen Reifegrad zu, um zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Genau wie Jesus im Matthäus-Evangelium, wenn er unter 5, 37 fordert: «Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein; alles andere stammt vom Bösen.» Worte, mit denen man uns zutraut, den Ernst der Lage zu erkennen, sogar die Wahrheit über das Leben. Aus Liebe identifiziert Jesus unmissverständlich die Sünde und zeigt den Weg zu Gott. Und dann lässt er uns die Wahl, ihm zu folgen oder nicht. Unsere Entscheidung.

Es ist verständlich, wenn an der Synode in Rom, mit über 270 Bischöfen und Kardinälen, bei intensiven Arbeitswochen, verteilt auf zwei Jahre, ein Konsensdokument entstanden ist, das nicht alles vertiefen und klarstellen kann. Aber nach der gross angelegten, weltweiten Umfrage zu Ehe und Familie, mit der man die Meinung des Kirchenvolkes hören wollte, ist es jetzt doch enttäuschend, wenn das Hauptziel verfehlt wurde. Die Lebensrealität, in der moderne Familien leben, wollte man besser verstehen, um besser auf sie eingehen zu können. Stattdessen ist man, 200 Jahre nach Kant, hinter das Selbstverständnis des aufgeklärten Menschen zurückgefallen und bevormundet uns in einer Weise, wie es Jesus nie getan hat. Schade.

Der Autor ist Medienverantwortlicher von Bischof Huonder im Bistum Chur. Er äussert hier seine private Meinung.

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