Der Kommentar: In den Altersheimen geht der Gesprächsstoff aus. Die Statistiker haben dem Lieblingslamento über die «heutige Jugend» die Grundlage entzogen. Die Jungen sind brav wie nie. Doch die Stille in der Seniorenresidenz wird von kurzer Dauer sein, denn schon ist ein neues Lamento auf dem Weg dorthin. «Angepasst», ja «neokonservativ» sei die Jugend.

Zu hören ist es von der 68er-Generation. Rock-Opa Chris von Rohr forderte bereits vor zehn Jahren von der Jugend «meh Dräck!» Der Spruch wurde 2004 zum Wort des Jahres. Die Forderung selber ist eine Farce. Denn von Rohr stellte sie als Juror der Sendung «Music Star» auf, einer Castingsendung, in der Jugendlichen eingeimpft wurde: Du kannst es schaffen, wenn du nur hart arbeitest! Das ist das Gegenteil von «meh Dräck!»

Die Casting-Mentalität ist mittlerweile in den Köpfen angekommen. Die Jugend optimiert sich selbst. Büffelt, schuftet und schwitzt und lässt sich dabei von Followern und Facebook-Freunden überwachen. Ihre Social-Media-Profile sind Bewerbungsdossier und Heiratsanzeige in einem. Peinliche Party-Fotos waren gestern.

Grund dafür ist, dass der Arbeitsmarkt härter geworden ist. Früher konnte man noch für Mao demonstrieren und später CEO werden. Heute ist die Konkurrenz grösser und die Auswahl härter. Die Revolte überlässt die Jugend deshalb über 90-Jährigen wie dem im letzten Jahr verstorbenem Stéphane Hessel («Empört euch!») oder dem 80-jährigen Jean Ziegler. Denn die Alten sind die neuen Jungen.

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