Der Kommentar: Werbung und Medien überbieten sich gegenseitig darin, uns Senioren das Alter schönzureden. «Die Zukunft ist silbern», texten die Kreativen. Sie nennen uns Grauhaarige die «Generation Gold» und erfinden dafür Namen wie «Greyhopper» oder «Silverpreneure». Als «Neurentner» geht mir diese herbeigeredete schöne neue Seniorenwelt gehörig auf den Keks. Zum einen, weil hinter diesen Ansprüchen ein gewachsener Seniorenwahn zur ewigen Jugend steckt. Zum anderen, weil das Bild des ewig strahlenden Best Agers ein Märchen ist. Ganz nach der Devise: Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie fit und gesund noch heute.

Das Leben im Vorgarten des Paradieses trifft nur auf eine Minderheit in diesem Lande zu – die wirklich privilegierten Alten. Das sind vor allem diejenigen, die von Geburt an durch ihre soziale Schicht bessere Chancen zu einer guten Ausbildung und einem gut bezahlten Job hatten. Sie haben eine hohe Rente, dazu konnten sie sich eine Säule 3a leisten und Zusatzversicherungen bei der Krankenkasse. Für einen grossen Teil der Rentner und Hochbetagten sieht die Realität weniger rosig aus.

So hat der Chefredaktor dieser Zeitung in einem Editorial kritisiert, dass der Generationenvertrag, die Solidarität zwischen Jung und Alt, einseitig zugunsten der Rentner überstrapaziert werde. Er mag uns zwar die paradiesische Kaufkraft gönnen. Gleichzeitig sieht er aber wegen der tieferen Zinsen der Pensionskassen, die uns Senioren nicht mehr betreffen, die künftigen Renten seiner Generation dahinschmelzen. Dies ist nur ein Teil der Wahrheit. Fakt ist auch: Über 300 000 Personen müssen, zusätzlich zur AHV und IV-Rente, Ergänzungsleistungen (EL) beantragen. Experten schätzen die Dunkelziffer von Rentnern, die aus Scham oder Nichtwissen keine EL beantragen, als hoch ein. Sie gehen davon aus, dass bereits jeder fünfte Rentner oder Rentnerin zu wenig Geld im Portemonnaie hat und an der Schwelle zur Armut lebt.

Die finanziellen Sorgen sind das eine. Ebenso schwer wiegen die gesundheitlichen Probleme. Auch wenn es bei Senioren zum guten Ton gehört, zu betonen, man fühle sich zehn oder mehr Jahre jünger und sei so fit wie ein Turnschuh. Reihenweise erzählen oder höre ich von Kollegen, die an Hüftproblemen, Rücken- und Herzbeschwerden, Altersdiabetes und anderen Gebrechen leiden. Ganz zu schweigen von den Krebserkrankungen. Das wird durch Studien zu den Krankenkassen-Kosten bestätigt. So steigen die sogenannten Hochkostenfaktoren für medizinische Leistungen bereits ab 50 Jahren rapid an. Am höchsten sind sie für die 60- bis 80-Jährigen. Die stetig zunehmende Mitgliederzahl bei der Sterbehilfe-Organisation Exit bestätigt die Angst vor Leid und Krankheit.

Das ganz hohe Alter fordert erst recht seinen Tribut, doch das ist in der schönen Medien- und Werbewelt tabu. Pflegeheim, Alzheimer, Hör- und Sehverlust sowie zunehmende Probleme beim Bewegungsapparat: Das ist die Realität. Ich erlebe das bei meiner 91-jährigen Schwiegermutter und bei der eigenen, bald 90-jährigen Mutter. Die Betreuung und Begleitung hochbetagter Eltern kann für uns «Jung-Rentner» zum intensiven Teilzeitjob werden, der uns vor Augen führt, dass wir endlich sind und Altwerden nicht unbedingt ein Leben im Schlaraffenland bedeutet. Der Vorgarten zum Paradies kann auch zur Hölle auf Erden werden.

Bei den Hochbetagten kommt seit einiger Zeit ein neues Phänomen hinzu. Da es immer mehr 90- bis 100-Jährige gibt, kommt es häufiger vor, dass Eltern ihre Kinder überleben. Man muss nur die Todesanzeigen lesen, um dies bestätigt zu bekommen. Laut Bundesamt für Statistik sterben jährlich rund 8000 Personen im Alter von 45–65 Jahren. Die allermeisten von ihnen haben noch mindestens einen lebenden Elternteil. Konkret heisst dies: Täglich trauern über 200 hochbetagte Eltern um verstorbene erwachsene Kinder. Ein Fakt der zunehmenden Lebenserwartung, der sprichwörtlich totgeschwiegen wird. Frühere Generationen waren davon weniger betroffen. Die tiefere Lebenserwartung sorgte dafür, dass die Eltern vor ihren Kindern starben.

Ein weiteres Phänomen, das vor allem uns «Neu-Rentner» betrifft: der Mythos vom Senioren-Sex. Nach aussen wird diesbezüglich das Image der allzeit bereiten «Greyhopper» oder «-hopperinnen» gepflegt. Biologisch nachweisbar nimmt der Sexualtrieb mit zunehmendem Alter ab. Bei den Frauen etwas mehr als bei den Männern. Von meiner besseren Hälfte höre ich dann manchmal, wie sich die Frauen untereinander köstlich über die angebliche Potenz ihrer in die Jahre gekommenen Männer amüsieren. Sie unterhalten sich untereinander viel ungezwungener über dieses Thema als wir Männer. Meist unter Alkoholeinfluss höre ich dann auch von Kollegen, dass bei ihnen auf dem Computer mehr Sex läuft als unter der Bettdecke.

Alt werden ist ein Naturgesetz, aber keines, das wirklich glücklich macht. Wer das Gegenteil behauptet, ist höchstens die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Aber genug gejammert! Wenn man an die Zukunft der nachfolgenden Rentnergeneration denkt, können wir uns dennoch einigermassen glücklich schätzen. Unsere Chancen sind besser, die Ziellinie des Lebens einigermassen würdevoll zu überqueren, als die der nachfolgenden Generation. Viele der heute 35- bis 50-Jährigen wirken gezeichnet: aufgerieben zwischen Arbeit und Familie, Sklaven der digitalen Welt, ausgepowert und einige mit Burnout. Wie werden sie mit 70 sein? Ich fürchte: Fit in den Lebensabend, das war einmal. Ein Leben ohne Pillendose wird es nicht mehr geben. Statt wie prognostiziert weiter zu steigen, wird für die nachfolgenden Generationen die Lebenserwartung wohl eher sinken.

Beantworten Sie dazu die Frage der Woche.
Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper