Der Kommentar: Mit dem Ende der Winterstürme sind die Tragödien mit seeuntauglichen Booten aus Libyen wieder häufiger geworden. Die Massenwanderung auf der Balkanroute hatte das Geschehen auf dieser zentralen Mittelmeerroute aus den Schlagzeilen verdrängt. An der Problematik hat sich aber nichts verändert. Bis Ende Mai sind genau gleich viele Menschen – nämlich rund 47 500 – wie im Vorjahr über diese gefährlichste Route in Europa angekommen. 2061 Tote gegenüber 1782 im Vorjahr hat die Internationale Organisation für Migration (IOM) gezählt. Die tatsächliche Zahl dürfte wesentlich höher sein.

Die Route hat ihre eigenen Gesetzmässigkeiten. Diesen Weg nehmen vorwiegend Migranten aus Ländern der Sub-Sahara. Unter ihnen sind nur wenige Flüchtlinge, denen Schutz zusteht. Wie viele Migranten in Libyen – das auch Arbeitsort für Hunderttausende Afrikaner ist – auf die risikoreiche Überfahrt warten, ist unklar. In den vergangenen 18 Monaten, seit das Land zerfällt, Anarchie und Gesetzlosigkeit herrschen, hat sich ihre Lage dramatisch verschlechtert. Die Migranten sind der Willkür von Polizei, Milizen und kriminellen Schmugglerringen wehrlos ausgeliefert.

Staatliche Autoritäten gibt es keine. Es ist eine Illusion zu glauben, mit der von der UNO vermittelten Einheitsregierung in Tripolis sei eine Lösung wie mit der Türkei machbar, wie sie der EU vorschwebt. Die Regierung von Fayez Serraj steht erst auf dem Papier. Und die Anziehungskraft von Europa ist so gross, dass nur mit Abschottung der Auswanderungsdruck aus Afrika nicht zu bremsen ist.

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