Antwort von Oswald Grübel: Einige Staaten sind so stark verschuldet, dass sie ihre Kreditwürdigkeit fast verloren haben. Allen ist klar, dass dieser Zustand geändert werden muss und dass das nur mit Sparen geht. Die Ausgaben der betroffenen Staaten müssten drastisch gekürzt werden. Man hatte sie über Jahre erhöht, ohne die Einkommen dafür gehabt zu haben. Die Anzahl der Empfänger von staatlichen Sozialleistungen hat erheblich zugenommen.

Die grosse Masse der vom Staat abhängigen Bevölkerung protestiert und ist nicht bereit, die notwendigen Kürzungen ihrer Bezüge zu akzeptieren. Die Politik erkennt sehr schnell, dass es sich dabei um einen wahlentscheidenden Teil der Bevölkerung handelt und ihr demnach nichts anderes übrig bleibt, als nachzugeben.

Dieser Prozess findet nicht nur in Griechenland oder Spanien statt, sondern auch auf eine bis jetzt viel unauffälligere Weise in Ländern wie Deutschland, Holland oder Frankreich. Das Schlagwort ist «Gleichheit». Man will mehr «Gleichheit», mehr «Gerechtigkeit» schaffen, zwischen Arm und Reich, der ewige Menschheitstraum. Das heisst, dass wir in unseren heutigen Demokratien nur begrenzt in der Lage sind, Ausgaben zu kürzen, was wiederum zu noch höheren Schuldenbergen führen wird und eines Tages nur mit einer drastischen Geldentwertung gelöst werden kann. Es scheint, wir wollen an dieser Tradition festhalten. Das sind keine schönen Aussichten, aber leider besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass uns unser demokratischer Prozess wieder einmal dahin führt.

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